Vor mehr als fünfzig Jahren erschien unter dramatischen Umständen Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“. Ein großes Werk, in dem er Unterdrückung und Gefangenschaft, Willkür und Lagerwesen unter kommunistischer Herrschaft zum ersten Mal so ausführlich und eindringlich beschrieben hatte. Und es war nicht nur die Sowjetunion betroffen. Auch in den anderen kommunistischen Ländern, also auch in der DDR, hatten viele Menschen ähnliche Schicksale erlebt. Solschenizyn hatte seinem Werk die Zeilen vorangestellt: „All jenen gewidmet, die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen.“
Gedächtnis und Erinnerung an erlittenes Leid und an Ungerechtigkeiten – dafür steht seit jetzt fünfunddreißig Jahren die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft. Gefängnisse, Lager, Diskriminierung, seelische und körperliche Gewalt, Schikanen, Unterdrückung jeder Art: All das darf nicht vergessen werden, all das soll erinnert, erzählt, bewahrt und weitergeben werden. Wie schnell wird Unrecht vergessen, wie rasch verklären sich vergangene Zeiten, in denen es allgegenwärtig war, wie kurz ist oft unser Gedächtnis – so dass die Täter von einst oder heutige Wiedergänger leichtes Spiel haben mit der Verfälschung von Geschichte, von tatsächlich geschehenem und vieltausendfach erlittenem Unrecht. Dagegen hilft nur unerschrockene und beharrliche Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit, wie sie von den 40 Organisationen geleistet wird, die in der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft zusammengeschlossen sind.
Für Ihr Wirken, liebe Mitglieder, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter der Union der Opferverbände, will ich heute im Namen unseres ganzen Landes meinen großen Dank aussprechen. Vor allem weil Ihr Wirken noch weit über Erinnerung und Gedächtnis hinausgeht. Denn denen, die Leid und Haft und Misshandlung erfahren haben, soll Gerechtigkeit widerfahren. Dazu braucht es immer wieder Öffentlichkeit, dazu braucht man einen unermüdlichen, manchmal auch deutlich hörbaren Einsatz. Denn es gilt, politische Forderungen nach Anerkennung, nach Rehabilitierung und Entschädigung zu artikulieren und durchzusetzen. Dazu müssen Entscheidungsträger immer wieder sensibilisiert, muss das öffentliche Bewusstsein immer wieder wachgerüttelt werden, für das, was Menschen in den Unrechtssystemen, erst in der Sowjetischen Besatzungszone, dann in der DDR, an Haft, Zersetzung, Zwangsarbeit, Enteignung, brutaler Heimerziehung erlitten haben.
Und gleichzeitig gibt es auch verlässliche Unterstützung, damit Leidtragende und Opfer möglichst niederschwellig und unbürokratisch Beratung, psychosoziale und medizinische Hilfe, rechtlichen Beistand bekommen. Ich selber habe verschiedene Orte kommunistischer Unterdrückung immer wieder besucht, zuletzt die Gedenkstätte Hoheneck, das Deutsch-deutsche Museum in Mödlareuth, den einstigen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau und Hohenschönhausen. Und all diese Orte lassen den Besucher auch heute noch spüren, mit welchen Methoden Menschen erniedrigt und ihrer Würde beraubt worden sind, welch brutale Gewalt ihnen angetan worden ist, welche seelischen und körperlichen Qualen sie zu erleiden hatten.
An all diesen Orten habe ich aber auch erfahren, wie wichtig, wie hilfreich, wie relevant für die Betroffenen und für die ganze Gesellschaft Ihre Arbeit ist. Deswegen ist es mir eine Ehre und eine Freude, Ihnen allen zum Jubiläum herzlich zu gratulieren und Ihnen weiter ein erfolgreiches Wirken zu wünschen. Um der Betroffenen willen – aber auch um unser aller willen. Damit niemand vergisst.


