Gedenktafel für die Opfer der Zwangsaussiedlungen 1952 und 1961 in Dömitz

Geraubte Heimat: Die Zwangsaussiedlungen in Dömitz

Seit Mai 1952 lag Dömitz durch eine Verordnung des DDR-Ministerrats in der 5-km-Sperrzone. Dies war der Auftakt für zwei grausame Vertreibungsaktionen, die entlang der innerdeutschen Grenze mehr als 11.000 Menschen betrafen. Die Betroffenen wurden willkürlich und nach deutlich politisch-ideologisch motivierten Gesichtspunkten ausgewählt – eine rechtliche Grundlage gab es dafür nicht.

Aktion „Grenze“ am 6. Juni 1952

Über 60 Dömitzer Familien (insgesamt 228 Menschen) werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Bereits am Abend startet der Zug in eine ungewisse Zukunft. Angekommen in Güstrow, werden die Familien auf die umliegenden Dörfer verteilt. Dort hatte man vorab das Gerücht gestreut, es kämen Schwerverbrecher.

Aktion „Osten“ am 3. Oktober 1961

Das Unrecht wiederholt sich. Allein aus Dömitz werden 78 Menschen per LKW zwangsausgesiedelt. Der polizeiliche Befehl lautet zynisch, die Heimat „zum eigenen Schutz“ zu verlassen. Den Einwohnern bleiben nur sechs Stunden, um ihr bisheriges Leben zusammenzupacken. Die Umstände waren so entwürdigend, dass alle ihr Schicksal jahrzehntelang verschwiegen. Der Heimat beraubt und in ihrer Würde verletzt, litten die Familien unter Ausgrenzung und Misstrauen.

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Entwurf der Gedenktafel an der Johanniskirche am Slüterplatz in Dömitz

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Visualisierung des Erinnerungsortes an der Johanneskirche in Dömitz

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Zwangsaussiedlung 1961 in Tripkau bei Dömitz. Foto: privat

Grenznahes Gedenken – Einweihung der Gedenktafel für die Zwangsaussiedlungen in Dömitz

Am Donnerstag, den 17. September 2026 laden wir Sie herzlich ab 10 Uhr an die Johanneskirche am Slüterplatz in Dömitz ein, mit uns eine Gedenktafel für die Opfer der Zwangsaussiedlungen 1952 und 1961 feierlich einzuweihen. Diese wird ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen setzen und an die Menschen erinnern, die durch die grenzpolizeilichen Maßnahmen der DDR ihrer Heimat beraubt wurden.

Mit der Einrichtung der Sperrzone auf Seiten der DDR begannen an der innerdeutschen Grenze systematische Vertreibungen, die über 11.000 Menschen betrafen. Bei der Aktion „Grenze“ am 6. Juni 1952 wurden allein in Dömitz 228 Menschen ohne rechtliche Grundlage über Nacht gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. In Güterwaggons wurden sie nach Güstrow verbracht. In den Aufnahmedörfern streuten Behörden gezielt das Gerücht, es kämen Schwerverbrecher, um die Familien gesellschaftlich zu isolieren.

Am 3. Oktober 1961 wiederholte sich das staatliche Unrecht. Bei der Aktion „Osten“ wurden im damaligen Kreis Ludwigslust weitere 78 Menschen per LKW zwangsausgesiedelt. Den Betroffenen blieben nur sechs Stunden zum Packen – zynisch legitimiert mit dem Befehl, die Sperrzone „zum eigenen Schutz“ verlassen zu müssen.

Die Umstände dieser Vertreibungen waren derart entwürdigend, dass viele Betroffene ihr Schicksal jahrzehntelang verschwiegen. Tief in ihrer Würde verletzt, litten die Familien nachhaltig unter Entwurzelung, Ausgrenzung und Misstrauen.

Die Gedenkveranstaltung wird an der Gedenktafel mit Grußworten und Ansprachen eingeleitet, unter anderem von der in Dömitz aufgewachsenen Inge Bennewitz, die sich seit 1990 unermüdlich für die Aufarbeitung dieses Unrechts einsetzt.

Um den Dialog der Generationen zu fördern, wird sich eine spannende Gesprächsrunde mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Schülerinnen und Schülern des Fritz-Reuter-Schulzentrums in der Johanneskirche anschließen. Bei einer Gedenkminute wird sich die Gelegenheit bieten, die Betroffenen mit der Niederlegung von Blumen und Gestecken zu ehren.

Der Ausklang mit einem kleinen Imbiss wird danach Raum für den persönlichen Austausch bieten und das Gedenken würdig abrunden.

Die Gedenktafel wird finanziell gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, den Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern und die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG e. V.).

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und ein würdiges gemeinsames Erinnern!

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Ausgewählte Literatur zum Thema Zwangsaussiedlungen

Wer die systematische Dimension der staatlichen Willkür an der innerdeutschen Grenze in seiner Gänze begreifen will, greift unweigerlich zum Standardwerk „Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze – Analysen und Dokumente“ von 1994 (inzwischen in 4. aktualisierter und erweiterter Auflage) von Inge Bennewitz und Rainer Potratz. Auf 347 Seiten rekonstruieren die Autoren gestützt auf umfangreiche Archivstudien und Zeitzeugenbefragungen detailliert die Mechanismen der Vertreibungsaktionen. Es ist das unverzichtbare Fundament für jede weitere Auseinandersetzung mit dem Thema.

Den Fokus direkt auf die Elbregion und das erlittene Unrecht vor Ort richtet Manfred Wolter mit „Aktion Ungeziefer – Die Zwangsaussiedlung an der Elbe“ aus dem Jahr 1998. Mit seiner 205 Seiten starken Sammlung aus unmittelbaren Erlebnisberichten und historischen Dokumenten gab er den Betroffenen früh eine Stimme.

Diesen biografischen Faden nimmt die langjährige Journalistin und dpa-Korrespondentin Karin Toben meisterhaft auf. In ihren zusammengehörigen Werken „Heimatsehnen“ (2008) und „Heimatsehnen nimmt kein Ende“ (2022) bündelt sie die Lebensgeschichten von über 20 Opfer-Familien aus den Elbe-Dörfern und der Gemeinde Amt Neuhaus. Toben veranschaulicht eindrücklich, wie tief der Schmerz der ersten großen Aussiedlungswelle von 1952 sitzt und wie die radikalen Eingriffe in Lebensläufe bis heute nachwirken.

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Welche dramatischen Konsequenzen speziell die zweite große Vertreibungswelle im Schatten des Mauerbaus nach sich zog, beleuchtet Ernst-Otto Schönemann in seinem Buch „Der Wurzeln beraubt – Zwangsaussiedlung 1961 und die Folgen“ von 2011. Auf 350 Seiten widmet er sich der massiven Entwurzelung und den langfristigen biografischen Narben der Zwangsausgesiedelten.

Einen wertvollen Blick in die direkte südliche Nachbarschaft und auf den Alltag im Sperrgebiet liefert Ines Godazgars aktuelles Werk „Grenzschicksale – Als das Grüne Band noch grau war“ von 2023. Anhand von 30 Zeitzeugeninterviews entlang der ehemaligen Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen macht sie den Wandel vom Todesstreifen zum heutigen Naturrefugium greifbar – eine wichtige atmosphärische und historische Ergänzung zur Situation im Raum Dömitz.

Der beste Kompass für die eigene Spurensuche Den idealen Ausgangspunkt für alle weiteren und tiefergehenden Recherchen bietet Mathias Friedels „Bibliographie: Die Zwangsaussiedlungen aus den Grenzgebieten der DDR (1945–1961)“ von 2023. Der von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung herausgegebene Wegweiser ordnet und kommentiert die Flut an Publikationen exzellent nach Orten und Regionen. Für die lokale Spurensuche besonders wertvoll: Die Seiten 81 bis 86 widmen sich ganz konkret den historischen Aufzeichnungen zu Dömitz. Das 204 Seiten starke Werk ist zudem als kostenloses E-Book verfügbar, das den direkten Einstieg in die Recherche ermöglicht.

Ausgewählte Webseiten zum Thema Zwangsaussiedlungen

Wer sich online einen fundierten historischen Überblick verschaffen möchte, findet beim NDR exzellente, multimedial aufbereitete Dossiers zu den beiden großen Vertreibungswellen. Der Beitrag „Aktion Ungeziefer 1952 – Aus dem DDR-Grenzgebiet vertrieben“ (aktualisiert 2024) widmet sich detailliert dem ersten massiven Schlag des SED-Regimes. Ergänzend dazu beleuchtet die Chronologie zur „Aktion Kornblume“ (2009) die zweite große Zwangsaussiedlungs-Welle im Jahr des Mauerbaus 1961. Beide Seiten bieten kompakte zeitgeschichtliche Einordnungen und machen die perfide Systematik hinter den verharmlosenden Decknamen greifbar.

Wie radikal diese Maßnahmen die Geografie der Region veränderten, zeigt Autorin Victoria Flägel im Magazin Katapult MV in der aktuellen Recherche „Die verschwundenen Dörfer“ von 2024. Der Beitrag dokumentiert auf die für das Magazin typische, visuell prägnante Weise, wie Ortschaften entlang der Grenze – auch im weiteren Umfeld von Dömitz – nicht nur entvölkert, sondern buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht und von der Landkarte getilgt wurden.

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Dass das Kapitel der Zwangsaussiedlungen für viele bis heute nicht abgeschlossen ist, unterstreicht der 2023 vom Landesvorsitzenden der Grünen Ole Krüger im Blog der Grünen MV veröffentlichte Beitrag „Deutschland, einig Vaterland? Zwangsausgesiedelte in der DDR“. Hier steht die erinnerungspolitische Aufarbeitung im Fokus. Die Plattform gibt Einblicke in den anhaltenden Kampf der Betroffenen um gesellschaftliche Anerkennung sowie Rehabilitierung und schlägt so eine wichtige Brücke von den historischen Schicksalen zur politischen Gegenwart.

Für die Spurensuche in der weiteren Umgebung ist das fortlaufende Projekt „Erinnerungslandschaft Grenzgeschichte(n)“ auf der Webseite der Metropolregion Hamburg eine unverzichtbare digitale Anlaufstelle. Zusammen mit einem ausgedehnten Partnernetzwerk bietet die Seite eine hervorragende Übersicht über 25 Gedenkstätten, Museen und erhaltenen Relikte der innerdeutschen Grenze sowie auch aktuelle Veranstaltungstipps. Die Website dient damit als praktischer Wegweiser, um die Geschichte der Teilung an konkreten Orten in der Elbregion und darüber hinaus selbst erfahren zu können.

Nicht zuletzt bietet natürlich auch die Webseite der UOKG einen Überblick über wichtige Entwicklungen auf dem Gebiet der Aufarbeitung der Zwangsaussiedlungen. So finden Sie u.a. unter Publikationen die schriftliche Dokumentation der Tagung „Geraubte Heimat! Aktion Ungeziefer – 70 Jahre Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze“, die 2022 in Magdeburg stattfand, sowie auch die Videomitschnitte der Vorträge der Tagung auf unserem YouTube Kanal.

Ausgewählte Videos & Podcasts zum Thema Zwangsaussiedlungen

Wer die abstrakten historischen Fakten visuell und emotional greifen möchte, findet in einer Mischung aus fiktionaler Aufarbeitung und dokumentarischer Begleitung starke Zugänge. Den großen erzählerischen Bogen spannt die prämierte Serie „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ (seit 2015). Sie veranschaulicht am Mikrokosmos eines fiktiven, durch einen Bach geteilten Ortes an der bayerisch-thüringischen Grenze die dramatische Zerrissenheit der Nachkriegsjahre. Die Serie macht spürbar, wie aus Nachbarn plötzlich Systemfeinde wurden und wie die große Weltpolitik Familienwege brutal trennte.

Wesentlich näher an der Realität der Elbregion und bis in die Gegenwart reichend ist die 45-minütige TV-Reportage „Aktion Ungeziefer – Vertrieben in der DDR“ von 2020. Am Beispiel des niedersächsisch-sachsen-anhaltischen Grenzortes Barnebeck bei Salzwedel – und damit in direkter Nachbarschaft zum Raum Dömitz – begleitet der Film eindrücklich den zermürbenden Kampf der Nachfahren um späte Entschädigung und gesellschaftliche Anerkennung ihres Leids.

Für ein tieferes Verständnis der politischen Dimensionen lohnt hingegen ein Blick unseren YouTube-Kanal. Der Mitschnitt der Tagung der UOKG „Geraubte Heimat! Aktion Ungeziefer – 70 Jahre Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze“, die 2022 in Berlin stattfand, liefert wertvolle juristische und historische Einordnungen direkt aus der Aufarbeitungspraxis, ZeitzeugInnen-Interviews und Podiumsdiskussionen.

Den wissenschaftlichen Fakten geben die Videos der hervorragenden Webseite www.zeitzeugenmemorial.de von 2024 ein Gesicht, die von der Landeszentrale für Politische Bildung Hessen ins Leben gerufen wurde: In den unkommentierten Interviews schildern Betroffene wie Ursel Lange, Elfriede Kiel und Dagmar Kilian schonungslos offen von dem Trauma, über Nacht die eigene Existenz verloren zu haben [auch auf YouTube].

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Das auditive Format Podcast eignet sich besonders für die intimen und schmerzhaften Erinnerungen an die Zwangsaussiedlungen. Ein herausragendes Zeugnis aus der direkten Region liefert der Podcast „Zeitzeugen am Zonenrand“ von 2023 der umtriebigen Macher des „Museums Deutsche Einheit Bad Bodenteich“. In sechs Episoden [z.B. hier auf spotify] kommen Menschen aus dem Grenzgebiet zwischen Uelzen und der Altmark zu Wort, die das Geschehen zum Teil als Kinder oder Jugendliche miterlebten. Dabei wird der zeitliche Bogen von den 50er Jahren bis zur Nachwendezeit gespannt.

Eine exzellente thematische Ergänzung ist der Podcast „Grenzgeschichte(n): Als das Grüne Band noch grau war“ aus den Jahren 2025–26. Die Journalistin und Autorin Ines Godazgar spricht in packenden Zeitzeugeninterviews mit ganz unterschiedlichen Menschen über ihr Leben an und mit der innerdeutschen Grenze und vertieft damit die Recherchen aus ihrem gleichnamigen Buch.

Wie perfide und systematisch der Staatsapparat bei den Vertreibungen vorging, dekliniert schließlich der MDR-Podcast „Wendehausen“ von 2025 durch (zusammen mit „DNA des Ostens“ zu finden auf ARD sounds). Besonders Episode 2 zeigt exemplarisch auf, wie die Maschinerie der Aktionen von 1952 und 1961 überall an der innerdeutschen Grenze identisch ablief. Die Serie verzahnt meisterhaft die Entscheidungen der großen Politik mit der tiefen Verzweiflung von Familien, die teils gleich zweimal aus ihrer Heimat vertrieben wurden.