Hartmut Tautz lebte in Magdeburg und nachdem ihm das Musikstudium verwehrt wurde, sah er für sich keine Zukunft in der ehemaligen DDR. Er war gerade 18 Jahre alt, als er beschloss, diesen „Arbeiter- und Bauernstaat“ zu verlassen. Um einen Traum von einem Leben in Freiheit zu verwirklichen, versuchte er am Abend des 8. August 1986, durch den streng bewachten Eisernen Vorhang zu entkommen.
Nachdem er bei Bratislava-Petržalka mehrere Grenzsicherungsanlagen überwunden hatte, löste er um 22:16 Uhr Alarm aus. Grenzwachsoldaten eilten herbei und ließen ihre Diensthunde von der Leine. Die Straßenbeleuchtung der Gemeinde Kittsee bereits in Sichtweite, rannte Hartmut Tautz durch ein Maisfeld um sein Leben. Nur 22 Meter vom Stacheldrahtverhau entfernt und die Freiheit vor Augen, wurde er von diesen zum Einsatz gegen Menschen dressierten Hunden gestellt, angefallen und schwer verletzt.
Trotz lebensbedrohlicher Verletzungen unterließen die Soldaten vorerst jede Hilfe und wollten ihn zu seiner Flucht befragen. Obwohl Hartmut Tautz um sein Leben kämpfte, wurde die dringend notwendige medizinische Versorgung erst viel zu spät eingeleitet. Nur wenige Stunden nach seiner gescheiterten Flucht verstarb er am 9. August 1986 um 01:15 Uhr an den Folgen der brutalen Bisswunden im Militärkrankenhaus Bratislava.
Das tragische Schicksal von Hartmut Tautz steht stellvertretend für alle Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft sowie jener Menschen, die auf dem Weg in die Freiheit ihr Leben verloren. Wir wollen allen, die an dieser schrecklichen Grenze des Eisernen Vorhangs zu Tode gekommen sind, ihre Freiheit oder ihre Zukunft verloren haben, stets ein ehrendes Andenken bewahren. Wir werden euch niemals vergessen.
Das Burgenland mit seinen zahlreichen Gemeinden entlang des einstigen Eisernen Vorhangs galt für viele Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR als Symbol der Freiheit. Auf dem Weg durch die Tschechoslowakei (heute Tschechien und die Slowakei) nach Ungarn war für viele DDR-Bürger Kittsee der erste sichtbare Ort auf burgenländischem Gebiet.
Zahlreiche Menschen, denen die Flucht über die innerdeutsche Grenze zu gefährlich erschien, wählten zur Erlangung der Freiheit einen anderen Weg. Unter Lebensgefahr versuchten sie, über Ungarn oder die Tschechoslowakei die ebenfalls streng gesicherten Grenzzäune zum Burgenland zu überwinden. Nur wenigen gelang die Flucht, viele verloren jedoch an diesem Eisernen Vorhang ihr Leben. Wurden Flüchtige aufgegriffen, landeten sie in einem der gefürchteten Gefängnisse der STASI und hatten viele Repressalien zu ertragen.
Diese Gedenktafel soll gleichzeitig Mahnmal für ein geeintes und vor allem friedliches Europa sein. Sie soll uns stets daran erinnern, dass viele Menschen zur Erlangung der Freiheit ihr Leben riskierten. Die Staaten Europas dürfen nie wieder durch einen Eisernen Vorhang getrennt werden.
Initiatoren und Umsetzung: Alexander Heise/Deutschland, Wolfgang Bachkönig/Österreich

Die Aufstellung der Tafel wurde durch die Deutsche Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, durch die Erbengemeinschaft Heimpel, durch die UOKG e.V. und den Bürgermeister der Gemeinde Kittsee, Johannes Hornek, ermöglicht.
Wir danken an dieser Stelle ebenfalls allen SpenderInnen und Spendern, die einen finanziellen Beitrag zum Eigenanteil des Projektes geleistet haben!
Standort der Gedenktafel
Google Maps: [48°06’10.4″N 17°05’01.3″E]
an der österreichisch-slowakischen Grenze zwischen Kittsee und Petržalka
Preßburger Straße, Ecke Kittsee-Neuriss-Grenzweg (Kittsee/Österreich)
Am Grenzübergang Kittsee – Petržalka zwischen Österreich und der Slowakei ist am Mittwoch, 22. Juli 2026 eine Gedenktafel für Hartmut Tautz eingeweiht worden. Vor fast genau 40 Jahren, am 8. August 1986, verlor der damals 18-jährige DDR-Flüchtling an dieser Stelle beim Versuch, in den Westen zu gelangen, sein Leben. Tautz wollte in Freiheit Musik studieren und Klarinette spielen – ein Traum, der ihm in der DDR verwehrt wurde. Ohne jemanden einzuweihen, wagte er die Flucht. Nur 22 Meter vor dem rettenden österreichischen Staatsgebiet wurde er von Suchhunden aufgespürt und angefallen. Die tschechoslowakischen Grenzsoldaten verweigerten dem Schwerverletzten die dringend benötigte Erste Hilfe; er starb kurz darauf in einem Krankenhaus in Bratislava.
„Er träumte von Freiheit und verlor sein Leben“ – diese Inschrift ziert nun die neue Tafel, die sein Schicksal stellvertretend für die vielen Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft ins Gedächtnis ruft. Das Projekt ist eine enge Zusammenarbeit der UOKG mit dem früheren DDR-Bürger Alexander Heise und dem Buchautor Wolfgang Bachkönig, der die Geschichte des Eisernen Vorhangs aufarbeitet. Gefördert wurde das Gedenkprojekt von der Bundesstiftung Aufarbeitung, maßgeblichen Anteil an der Verwirklichung hatten jedoch auch die Erbengemeinschaft Heimpel, der Bürgermeister von Kittsee Johannes Hornek sowie zahlreiche private Spenderinnen und Spender. Unser Vorsitzende Dieter Dombrowski war bei der feierlichen Einweihung vor Ort anwesend, um dem Opfer Respekt zu erweisen.
Ebenfalls vor Ort war die SED-Opferbeauftragte des Deutschen Bundestages Evelyn Zupke, die betonte, wie wichtig es ist, der Diktaturgeschichte ein persönliches Gesicht zu geben:
„Hartmut Tautz ist insofern nochmal ein ganz besonderes Schicksal, weil er eben auch wirklich so ganz kurz vor der Grenze, 15 Sekunden auf dem Weg in die Freiheit, zu Tode gekommen ist, auf eine besonders brutale Art und Weise. Er wurde nicht nur angeschossen, sondern man hat ihn liegen lassen, die Hunde auf ihn gehetzt und er kam zu Tode. Und das ist natürlich etwas, was die Menschen nochmal ganz besonders berührt und nochmal ganz besonders die Grausamkeit und die Härte des kommunistischen Regimes einfach aufzeigt.“
Für den Mitinitiator Alexander Heise, dessen eigene Flucht 1986 scheiterte und der daraufhin eineinhalb Jahre in DDR-Haft saß, schloss sich ein Kreis. Er erklärte:
„Das ist für mich schon ein emotionaler Moment, weil ich hier an diesem Denkmal die letzten Jahre immer mal Blumen niedergelegt habe, weil Hartmut Tautz praktisch fast genauso alt ist wie ich, also fast auf den Tag. Und die Gründe und Motivationen sehr ähnlich waren. Und diese zeitliche Nähe zu meiner Festnahme und zu seinem Tod. Ich bin praktisch wenige Tage nach seinem Tod hier eingereist, auch über Bratislava, sah auch diese Lichter von Kittsee und habe mir auch selber gedacht: Da könnte man es auch versuchen. Und somit ist das für mich eine persönliche, direkte Verbindung zu Hartmut Tautz, obwohl ich ihn nicht gekannt habe.“
Die Tafel soll zudem als Mahnmal für die Gegenwart dienen. Der Bürgermeister von Kittsee Johannes Hornek (ÖVP) warnte:
„40 Jahre später, nachdem er gestorben ist, ist Europa wiederum in eine Richtung gedrängt worden, wo wir Grenzen wollen, wo wir den Ruf nach starken Männern wollen und wo die Masse der Leute nicht mehr selber denken will, sondern geleitet werden will. Das ist schlimm für mich.“
An der Einweihung nahmen auch Vertreter der BStA, der Deutschen Botschaft in Wien sowie Arpad Bella teil. Er war am 19. August 1989 diensthabender ungarischer Grenzoffizier, als die österreisch-ungarische Grenze für das Paneuropäische Picknick einige Stunden offen war. Hunderte DDR-Bürger nutzen den günstigen Zeitpunkt und flüchteten damals in den Westen, ohne dass Bella und andere Soldaten eingriffen. Das völkerübergreifende Gedenken an das Schicksal von Hartmut Tautz zeigt ein mal mehr auf berührende Weise, wie teuer die Freiheit erkämpft wurde, die Europa heute verbindet.
Der ORF hat einen kurzen Beitrag zur Einweihung veröffentlicht.


Biografie von Hartmut Tautz auf www.eiserner-vorhang.de
Tödliche Fluchten und Rechtsbeugung gegen Ausreisewillige und Flüchtlinge.
Mehr als vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1989 die DDR, weil sie mit den politischen Verhältnissen und den Lebensbedingungen in dem SED-Staat nicht einverstanden waren. Die SED als herrschende Partei unternahm alles für sie Machbare, um die Menschen im Land zu halten bzw. Fluchten zu verhindern. Dabei nahm sie den Tod von Menschen bei Fluchtversuchen über die innerdeutsche Grenze bewusst in Kauf. Doch auch Fluchtversuche über die Grenzen anderer Ostblockstaaten sowie über die Ostsee endeten oftmals tödlich.
Ziel des zwischen November 2018 und Februar 2023 laufenden Forschungsvorhabens war die Aufklärung über Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über Ostblockstaaten und über die Ostsee sowie die Funktion des DDR-Justizministeriums im SED-Staat und die Willkürjustiz gegen Ausreisewillige und Flüchtlinge zu erforschen.
Seit Oktober 2020 können die Biografien der Opfer des Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze in einem Biografischen Online-Handbuch eingesehen werden. Die in dem Online-Handbuch dokumentierten Lebensgeschichten und Todesumstände wurden mit Ausschnitten aus Videos-Interviews ergänzt, die mit Angehörigen der Todesopfer und anderen in die Ereignisse involvierten Personen geführt wurden.
Radiofeature über Hartmut Tautz bei Radio Praha (auf Deutsch)
Tod an der Grenze: Der Fall Hartmut Tautz und die Ahndung kommunistischer Verbrechen.
Der 18-jährige DDR-Bürger Hartmut Tautz wollte Musik studieren, was ihm auf Grund seiner bürgerlichen Herkunft verwehrt wurde. Um sich seinen Traum trotzdem erfüllen zu können, verließ er sein Land und reiste im August 1986 nach Prag und von dort aus weiter nach Bratislava. Kurz bevor er die Grenze nach Österreich überwinden konnte, berührte er einen Signaldraht bei der Grenzwachbrigade Bratislava. In der Nacht vom 9. August 1968 erlag Hartmut Tautz im Militärkrankenhaus Bratislava seinen schweren Verletzungen, die ihm die Hunde der Grenzsoldaten zugefügt hatten.
Der Fall Hartmut Tautz ist nur ein Beispiel von hunderten Flüchtlingen, die bis 1989 an der tschechoslowakischen Grenze ihr Leben ließen. An ihr Schicksal erinnert nun die „Platform of European Memory and Conscience (PEMC)“, die eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen für den Tod von hunderten Flüchtlingen vor einem internationalen Gerichtshof fordert.
Das Radiofeature „Tod an der Grenze: Der Fall Hartmut Tautz und die Ahndung kommunistischer Verbrechen“ aus dem Jahr 2015 von Annette Kraus macht auf den Fall Hartmut Tautz und die Notwendigkeit, dass solche Verbrechen geahndet werden müssen, aufmerksam.
Bericht des ÚSTR – Institut für das Studium totalitärer Regime (Tschechien)
Dokumentation der an den tschechoslowakischen Staatsgrenzen Getöteten 1948–1989.
Das tschechische Forschungsinstitut liefert die tiefste Akten-Analyse der „Operation Pohraniční stráž“ (Grenzschutz). Hier wird detailliert der militärische Befehl von 1985 zum Einsatz der abgerichteten Hunde („Smečka“) am Grenzstreifen wissenschaftlich belegt.
Hinweis: Der Text ist auf Tschechisch, lässt sich aber in einem Browser hervorragend übersetzen.
Podcast – „DDR Box“ im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema „Republikflucht“ [podigee] [www.ddr-box.de]
Republikflucht – Fluchtgeschichten aus der DDR.
Wie riskierte man sein Leben, um der DDR-Diktatur zu entkommen? Welche Wege führten in die Freiheit – und welche ins Gefängnis? Über 40.000 Menschen entkamen zwischen 1961 und 1988 über die innerdeutsche Grenze, 178.000 weitere flohen über Drittländer. Doch 75.000 Personen wurden gefasst und wegen Republikflucht zu langen Haftstrafen verurteilt. In dieser Podcast-Reihe aus dem Jahr 2025 erzählen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren teils dramatischen Fluchtversuchen: über die Berliner Mauer, durch Drittländer oder übers Meer. Auch gescheiterte Fluchten und ihre Konsequenzen stehen im Fokus.
Das Besondere: Die tiefgehenden Gespräche führt eine junge Generation von Moderatorinnen und Moderatoren. Gründliche Vorrecherche und dramaturgische Vorbereitung lassen die Geschichten lebendig werden. Jede Episode erzählt von den Motiven, der Planung, der Flucht selbst und den Folgen – und stellt die Frage: Würden sie es wieder tun? Ein Podcast über Mut, Verzweiflung und den Preis der Freiheit.
Hinweis: Es gibt bislang keine Folge über Hartmut Tautz, das Projekt ist natürlich trotzdem sehr sehens- und hörenswert.