


Ein gescheiterter Fluchtversuch brachte Anne Hahn kurz vor dem Mauerfall noch in DDR-Haft – eine Erfahrung, die ihr Leben und ihr literarisches Schaffen bis heute prägt. Als Autorin und Zeitzeugin macht sie die Geschichte von Opposition, Jugendkultur und politischer Verfolgung in der SED-Diktatur für ein breites Publikum lebendig. Anlässlich des 35-jährigen Bestehens der UOKG haben wir der Schriftstellerin fünf Fragen gestellt:
DER MOMENT IM RÜCKBLICK
Wenn Sie an die Jahre des Umbruchs zurückdenken: Welches Gefühl war damals am stärksten, und was ist heute – 35 Jahre später – davon noch übrig?
„Grenzenlose Freude.
Sorge und Erschütterung darüber, dass wir die Errungenschaften der Grenzöffnungen in Europa aufgegeben haben und dass Kriege und Hass die Menschen wieder trennen, ausgrenzen und töten.“
DER PERSÖNLICHE BLICKWINKEL
Wie hat sich Ihr innerer Blick auf das erlittene Unrecht oder die DDR-Zeit generell in den letzten drei Jahrzehnten gewandelt – sind Sie mit der Zeit milder geworden oder unerbittlicher?
„Ich bin milder geworden in Bezug auf die Gefängniswärter, die Vernehmungsoffiziere und Hausmeister, Richter und Denunzianten – ich würde gern mit allen reden, die verstehen wollen, warum sie damals so waren. Mit den Unbelehrbaren hat es allerdings keinen Sinn.“
DIE GENERATIONENFRAGE
Wenn Sie heute mit jüngeren Menschen sprechen, die die DDR nicht persönlich erlebt haben: Was ist der eine Gedanke, den Sie ihnen auf den Weg geben würden?
„Frag Deine Familien, lies Bücher, schau Filme – und versuche, Dich hineinzuversetzen, wie es ist, wenn andere für Dich den Lebensweg vorbestimmen und Du Dich nicht entfalten, bilden oder dahin reisen kannst, wohin Du möchtest.“
DAS PERSÖNLICHE SYMBOL
Gibt es einen bestimmten Ort, ein Bild oder einen konkreten Gegenstand, der für Sie ganz persönlich Ihre Entwicklung und Ihren Weg in den letzten 35 Jahren zusammenfasst?
„Berlin – der Nordbahnhofpark, einst tödliche Grenze, heute eine Graffiti- und Feiermeile, Spielplatz und Hundeauslaufpark und die Verbindung Mitte-Wedding und zurück. Mein bevorzugter Ort, um oft mehrmals am Tag über die „Grenze“ zu flanieren und mich zu freuen.“
DER BLINDE FLECK
Wenn Sie die heutigen Debatten über Ost und West verfolgen: Welcher Aspekt aus der Zeit vor und nach 1989 wird Ihrer Meinung nach bis heute immer wieder übersehen oder falsch verstanden?
„Die Markierung der IMs als das „Böse“, da fehlt mir oft die Differenzierung und Erklärung, wer die eigentlichen Hauptamtlichen des MfS waren und wie sie die Zuträger unter Druck setzten. Auch die Mitläufer, Ausbilder, Hausmeister und große Masse an Schweigenden, die das System 40 Jahre mitgetragen haben, kommen mir zu gut weg.“
Foto: Lucas Hütter, UOKG