03. Nov. „Rückgabe der Namen“ – Gedenkveranstaltung für die Opfer des stalinistischen Terrors
Am 29. Oktober 2026, dem Vorabend des offiziellen russischen Gedenktages für die Opfer politischer Verfolgung, wurden weltweit die Namen der Opfer des stalinistischen Terrors verlesen. In Berlin fand die Namenslesung, wie schon in den vergangenen Jahren, am Steinplatz statt. Gern veröffentlichen wir hier an dieser Stelle den Bericht von Stefan Krikowski von der Lagergemeinschaft Workuta:
Organisiert wurde die Namenslesung am Denkmal für die Opfer des Stalinismus erneut von Memorial Deutschland e. V. mit dem Team um Dr. Anke Giesen, Sabine Erdmann-Kutnevic und Mario Bandi. Etwa 70 Personen, darunter viele Exilrussen und ukrainische Flüchtlinge, kamen an diesem spätherbstlichen, grauen Nachmittag zur Gedenkveranstaltung.
Wie schmerzlich es ist, die Namen der zum Tode Verurteilten zu verlesen, die in Moskau hingerichtet wurden! In den vergangenen Jahren wurden die Namen einzeln nach Bundesländern vorgelesen, dieses Mal hingegen die Namen aus allen fünf neuen Bundesländern. Zwischen 1950 und 1953 wurden etwa 1.000 deutsche Zivilistinnen und Zivilisten von Sowjetischen Militärtribunalen (SMT) in der SBZ/DDR zum Tode verurteilt, nach Moskau verschleppt und dort im Butyrka-Gefängnis hingerichtet. Die Opfer erhielten keine individuellen Gräber. Sie wurden heimlich auf dem Moskauer Donskoje-Friedhof anonym verscharrt.
Auch in diesem Jahr verlasen vermehrt Angehörige aus der Ukraine und aus Russland die Namen ihrer Familienangehörigen. Einige erinnerten an ihre ermordeten Angehörigen, die in den Jahren 1937 und 1938 den stalinistischen Säuberungen des „Großen Terrors“ zum Opfer fielen. Weitere ukrainische Angehörige gedachten der Ermordeten und Verschleppten infolge von Putins Vernichtungskrieg gegen das ukrainische Volk.
Aktuell befinden sich mehr als 16.000 ukrainische Zivilisten in russischer Haft! Deren Haftbedingungen sind mindestens genau so grausam und brutal wie die in den Gulag-Lagern während der Stalinzeit. Auch einige Angehörige der zweiten Generation der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion nahmen an der Gedenkveranstaltung teil, darunter Lars Maltzahn, Sohn von Horst Maltzahn, der im Alter von 24 Jahren als politischer Häftling nach Workuta verschleppt wurde und Stalins Hölle überlebt hatte. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass zwischen 1950 und 1953 in allen Gruppenprozessen vor einem SMT immer auch Angeklagte zum Tode verurteilt wurden. Horst Maltzahn, der im „Roten Ochsen“ in Halle verurteilt wurde, schreibt in seinem Erinnerungsbericht aus dem Jahr 1997:
„Drei Monate. Nervenzerstörende Verhöre. Urteilsverkündung am 29.12.1951. Sowjetisches Militärtribunal. Kurz. Präzise. Kalt. Sachbezogen. Orden. Epauletten. Offiziere. Ich ignoriere sie. Schaue durch sie hindurch. Wir sind zu dritt. Herbert Schönmuth. Günter Bach. Ich. Anklagebegründung: Militärspionage für den französischen Geheimdienst. Gruppenbildung. Urteilsspruch: Tod durch Erschießen für Herbert Schönmuth. Vollstreckt am 20.3.1952. Bekanntgeworden durch die Rehabilitierungsschrift von 1995. Seine Eltern erfuhren nie von seinem Schicksal. Herbert Schönmuth erbleicht. Günter Bach und ich 25 Jahre Lagerhaft. Ich werde zu Eis. 25 Jahre? Horrorvision. Wie fühlt sich Günter Bach? Die Dolmetscherin. ‚Jetzt können Sie miteinander sprechen!‘ Worüber? Herbert Schönmuths Weg in die Todeszelle. Nie vergesse ich seinen Blick.“
Auch Barbara Hecht brachte ein Blumengesteck für ihren Vater Wolf Hinze zum Gedenkstein. Hinze wurde im September 1950 ebenfalls im „Roten Ochsen“ von einem SMT zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ein Schulfreund hatte ihn denunziert. Er war verantwortlich, dass Hinze über fünf Jahre Zwangsarbeit in Workuta leisten musste. Die Haft hat seinen Körper derart ruiniert, dass ihm ein Berliner Versorgungsamt eine Schwerbehinderung von 100 Prozent bescheinigte. Später stellte sich heraus, dass dieser Schulfreund für die Staatssicherheit tätig war.
Wie es der Zufall wollte, durfte ich die Vita von Herbert Belter in wenigen Sätzen vorlesen. Bei diesem Namen gingen mir so viele Gedanken durch den Kopf. Die sogenannte Belter-Gruppe (sogenannt, weil der NKWD die einzelnen Personen zu einer Gruppe zusammenfasste) bestand aus insgesamt elf Personen, darunter zehn Leipziger Studenten und ein Tischlergeselle. In dem Gruppenprozess vor einem SMT in Dresden wurde Herbert Belter zum Tode verurteilt und am 28. April 1951 in Moskau hingerichtet.
Belter selbst bekannte sich bei der Urteilsverkündung vor dem SMT zu den Vorwürfen und führte aus: „Ich habe mich illegal betätigt, weil ich unzufrieden war mit der Situation an der Leipziger Universität. Wir hatten keine Gewissensfreiheit, keine Redefreiheit und keine Pressefreiheit.“
Peter Eberle stand gemeinsam mit Herbert Belter vor dem SMT. Nach seiner Freilassung ließ er sich als Zahnarzt in der Schweiz nieder. Für die Aufnahme seiner Biografie auf der Website der Lagergemeinschaft Workuta sagte er mir: „Herr Krikowski, Sie können gerne meine Biografie aufnehmen, aber nur unter einer Bedingung: Sie müssen den Namen unseres Freundes und Kameraden Herbert Belter mitaufnehmen. Er darf niemals vergessen sein.“
Erst durch dieses Telefonat im Jahr 2012 wurde mir bewusst, dass wir bei den Gruppenprozessen immer auch die Toten erwähnen und ihrer gedenken müssen. Herbert Belter war mir bis dahin überhaupt nicht bekannt.
Im Januar dieses Jahres ist Werner Gumpel, der letzte Zeitzeuge der Belter-Gruppe, im Alter von 95 Jahren in Augsburg verstorben. Werner Gumpel ist maßgeblich zu verdanken, dass an der Universität Leipzig seit dem Jahr 2009 jedes Jahr um den Jahrestag der Hinrichtung von Herbert Belter der Belter-Dialog-Tag stattfindet.
Und während wir einige der Namen der Opfer des stalinistischen Terrors verlasen, tötete der putinsche Terror 21 Zivilisten in der Ukraine. Es ist richtig, auf dem Denkmal auch auf die Kontinuität der Verbrechen des Kremls hinzuweisen. „Den Opfern des Stalinismus und des Putinismus.“
Der RBB berichtete in seiner Spätausgabe in einem zweiminütigen Beitrag über diese Gedenkveranstaltung und strahlte ein Interview mit dem Memorial-Vorstandsmitglied Sabine Erdmann-Kutnevic aus (ab Minute 18:20).
Text: Stefan Krikowski
Foto: 2025 restauriertes Stalin-Relief in einer Moskauer Metro-Station. nord794ub CC BY-SA 4.0