Nachruf auf Dr. Christian Sachse * 1954 † 2026

Christian Sachse wurde 1954 in Halle (Saale) geboren und verbrachte seine Kindheit im Erzgebirge. Mit 13 Jahren zog er nach Halle-Neustadt und erlebte dort seine Jugend. Christian hielt nicht selten an einem gut begründeten Standpunkt fest. So verweigerte er aus tiefster Überzeugung die Wehrerziehung an der Erweiterten Oberschule.

Sein Wunsch, Mathematik zu studieren, wurde dadurch in der DDR zunichtegemacht. Als frischgebackener Abiturient, mit dem Kopf in den Wolken, lernte Christian zunächst das Leben eines Produktionsarbeiters in den Chemischen Werken Buna mit all seinen „Vorzügen“ kennen. Seinen Wunsch, Theologie zu studieren, konnte er glücklicherweise am Katechetischen Oberseminar in Naumburg (Saale) verwirklichen.

Nach einem Aufenthalt im Predigerseminar in Wittenberg hatte Christian ab 1982 eine Stelle als Gemeinde- und Jugendpfarrer im Kirchenkreis Torgau (Sachsen) inne. Er gründete das politische Kabarett „Götterspeise“, arbeitete in verschiedenen überregionalen Friedensinitiativen mit und war Mitbegründer des oppositionellen Netzwerks Arbeitskreis Solidarische Kirche (AKSK). Sein Wirken wurde von der Stasi minutiös im Rahmen der Operativen Vorgänge „Seminarist“ und später „Apostel“ überwacht. Nach der Scheidung im Jahr 1989 entschloss er sich, auf seine Ordinationsrechte zu verzichten.

Nach seinem Ausscheiden aus dem kirchlichen Dienst konnte Christian sich dank der Wiedervereinigung einer wissenschaftlichen Laufbahn widmen. Es folgte ein Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. 1998 promovierte er zum Thema „Wehrerziehung in der DDR als Herrschafts- und Sozialisationsinstrument“. Er forschte zu den Persönlichkeiten Robert Havemann und Bischof Dr. Gottfried Forck und arbeitete in der Redaktion der „Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat“ mit.

Als freiberuflicher Historiker und Politikwissenschaftler wirkte Christian neben seinen fundierten Publikationen an mehreren bekannten Projekten mit, so beispielsweise an den Ausstellungen der Robert-Havemann-Gesellschaft zur Friedlichen Revolution 1989/90 und zum Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Ab 2010 widmete er sich voll und ganz den Heimkindern in der ehemaligen DDR. Wenn man mit ihm durch die neuen Bundesländer fuhr, konnte er eine Vielzahl von Heimen und deren Besonderheiten aufzählen. Es gab kaum einen Landstrich ohne Heim.

Als passionierter Mathematiker liebte er Datenbanken. Er sammelte, registrierte und verzeichnete – und fand alles wieder. Bald war klar: Wenn Du etwas nicht findest oder nicht weißt, frag erst einmal Sachse! Und alle, die mit ihm zusammengearbeitet haben, werden es bestätigen können: Wenn Christian eine Zusage gab, dann konnte man sich zu hundert Prozent auf ihn verlassen.

Ab 2012 arbeitete Christian für die UOKG – und sie ließ ihn nicht mehr los. Immer im Dienst für die Betroffenen, aber nicht für sich selbst. Er hatte stets ein offenes Ohr für andere und stellte die eigenen Bedürfnisse hintenan. Ohne Christians Mitarbeit wären viele Ziele der UOKG nicht erreicht worden. Mitunter streitbar und ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Nichtbetroffenen, stellte er sich an die Spitze und stritt für seine Überzeugungen – oder legte fundierte Papiere vor, mit denen andere ins Feld zogen.

Die Idee eines Mahnmals für die Opfer des Kommunismus nahm mit der Erarbeitung der Projektkonzeption richtig Fahrt auf. So werden wir – leider ohne ihn – im kommenden Frühjahr die Grundsteinlegung erleben. Ein weiteres Thema war die Zwangsarbeit in den ehemaligen DDR-Gefängnissen. Es bedurfte eines intensiven wissenschaftlichen Diskurses, bis die Bezeichnung „Zwangsarbeit“ in diesem Zusammenhang überhaupt verwendet werden durfte. Christians Publikation aus dem Jahr 2014 ist bis heute ein Standardwerk. Auch die dazugehörige Datenbank wird weiterhin gepflegt und genutzt.

Stets hatte Christian die Betroffenen im Blick. Er widmete sich Themen, die auch die eigene Seele schwer belasten konnten. Dazu gehörte beispielsweise die Expertise zum Thema „Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der DDR“. Die Mitarbeitenden der Archive schenkten ihm zu Recht ihr Vertrauen, denn sie wussten: Ihn interessierte das Thema im Sinne der Betroffenen – nicht der Skandal.

Als Mann setzte er sich auch für die Aufarbeitung der Repressionserfahrungen von Frauen ein. Gemeinsam mit dem Frauenforum initiierte er 2019 den ersten Tageskongress sowie 2021 in Stollberg den ersten Bundeskongress politisch verfolgter Frauen in der SBZ/DDR. Weitere Kongresse folgten 2023 in Halle und 2025 in Dessau. Diese Veranstaltungen erfuhren großen Zuspruch. Wo andere an sich selbst dachten, dachte Christian an die anderen. In dienstlichen, aber auch in geselligen Runden entwickelte er Ideen, die rückblickend visionär erscheinen: für Frauen, für Bausoldaten und für eine Tagung mit dem Titel „Vom Heim ins Heim“, deren Umsetzung er nicht mehr realisieren konnte, die aber immer dringlicher wird.

Christian verstand es, Menschen zusammenzubringen. Was zunächst als zwangloses Historikertreffen gedacht war, mündete in die erweiterte Wanderausstellung „Jugendstrafvollzug in der DDR“. Gerne schnacken, aber nicht nur schnacken, sondern auch etwas Bleibendes auf den Weg bringen – das war seine Devise. Widrige Umstände gab es immer wieder. In sachlichen Gesprächsrunden wurden sie wegdiskutiert und im Alltag mit einem Schmunzeln ertragen. Beim Festakt zu „35 Jahre UOKG“ haben viele gefragt, wo er denn sei. Wir sagten, es ist das Herz, aber das werde schon wieder.

Alle hofften mit uns, und wir dachten noch: Du bist der Nächste, der die UOKG-Ehrennadel verdient hat. Alles zu spät!

Lieber Christian, Du fehlst uns sehr.

Foto: Lucas Hütter, UOKG