30. Juni Lenin auf dem Großen Dreesch in Schwerin – das nächste Kapitel
Seit Jahren wird in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns hitzig debattiert: Soll die überlebensgroße Lenin-Statue auf dem Großen Dreesch unter Denkmalschutz gestellt werden oder nicht? Opferverbände, Historiker und die Kommunalpolitik ringen um den richtigen Umgang mit dem steinernen Erbe der kommunistischen Diktatur. Doch nun liefert ein behördlicher Schriftwechsel eine Pointe, die man sich in einem Satiremagazin kaum besser hätte ausdenken können: Die Statue steht längst unter Denkmalschutz – und zwar schon seit 2017.
Ein bürokratisches Lehrstück
Dieser unfreiwillig komische, aber tiefgreifende Vorgang kam ans Licht, als sich der Schweriner Stadtvertreter Arndt Müller (Bündnis 90/Die Grünen) und die Lagergemeinschaft Workuta an die Landesregierung wandten. Zuvor hatten zahlreiche Persönlichkeiten – darunter GULag-Überlebende, Historiker, Schriftsteller und der UOKG-Bundesvorsitzende Dieter Dombrowski – in einem Offenen Brief an das Kulturministerium appelliert, die Unterschutzstellung zu stoppen. Verhüllungsaktionen wurden initiiert, Tagungen veranstaltet – die UOKG berichtete.
Die Antwort aus dem Ministerium auf den Offenen Brief fiel im April 2026 ebenso trocken wie verblüffend aus: Eine Unterschutzstellung sei gar nicht möglich – das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege (LAKD) habe den „Denkmalwert“ bereits vor neun Jahren festgestellt. Mit dieser behördlichen Erkenntnis greife der Schutz automatisch. Dass die Statue bis heute nicht in der städtischen Denkmalliste auftaucht, sei rechtlich völlig irrelevant.
Die Absurdität gipfelt in der Tatsache, dass die Schweriner Stadtvertretung noch 2025 in einem offiziellen Anhörungsverfahren zu genau diesem Thema befragt wurde. Die gewählten Abgeordneten sprachen sich damals ausdrücklich gegen den Denkmalschutz aus – in der Hoffnung, dass ihre Stimme die Entscheidung beeinflussen könnte. Dass genau diese Entscheidung zu diesem Zeitpunkt schon seit acht Jahren in einer Akte schlummerte, wurde nicht kommuniziert. Ein klassischer Fall von behördlicher Geisterfahrt.
Warum die Posse einen bitteren Beigeschmack hat
Auch wenn die Geschichte wie ein Schildbürgerstreich anmutet, ist der Kern für die UOKG und ihre Mitgliedsverbände zutiefst schmerzhaft. Denn Lenin war kein bloßer historischer Denker, sondern der Architekt eines totalitären Systems. Er war der Begründer des Roten Terrors, der Millionen Menschen das Leben kostete und ganze Völker entrechtete.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern hinterließ dieses System tiefe Wunden. Allein in Schwerin verhängten sowjetische Militärtribunale zwischen 1950 und 1953 über 100 Todesurteile. Eines der Opfer war der liberale Student Arno Esch, der für seinen Einsatz für Demokratie in Moskau hingerichtet wurde.
Einen Massenmörder staatlich zu schützen, und sei es nur aus formalen, kunsthistorischen Gründen, bleibt für die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer schwer erträglich. Wer Lenin ehrt, verhöhnt die Menschen, die im Schatten seiner Ideologie ermordet wurden.
Ausblick: Was tun mit einem geschützten Diktator?
Das Ministerium hat den Ball nun an die Stadt Schwerin zurückgespielt. Als Eigentümerin sei es allein Aufgabe der Kommune, zu entscheiden, wie sie mit dem Denkmal umgeht und wie sie es in einen „angemessenen Kontext“ setzt. Wenn der Denkmalschutz also aus formaljuristischen Gründen vorerst Bestand hat, braucht es nun kreative und geschichtsbewusste Lösungen, die über ein simples Erklärschildchen hinausgehen. Die Unterzeichner des Offenen Briefes haben dazu bereits pragmatische Alternativen vorgeschlagen:
- Die Natur übernehmen lassen: Die Statue könnte gezielt entfremdet werden. Statt sie aufwendig zu pflegen, könnte man sie von rankenden Pflanzen überwuchern lassen. Das wäre ein starkes, sichtbares Symbol für das Verblassen und das historische Scheitern des Totalitarismus.
- Umzug an einen Ort des Unrechts: Der Heldenplatz auf dem Großen Dreesch ist der falsche Ort. Die Statue könnte in den Innenhof des ehemaligen KGB-Gefängnisses am Demmlerplatz verlegt werden. Umgeben von der beklemmenden Realität der Repression und ergänzt durch historische Einordnungen, würde aus dem Denkmal ein echtes Mahnmal.
Die Stadt Schwerin steht nun vor der Aufgabe, aus diesem bürokratischen Schlamassel das Beste zu machen. Es bietet sich die Chance, Geschichte nicht zu verstecken, sondern sie so zu entzaubern, dass am Ende der Mut zur Freiheit im Mittelpunkt steht.
Foto: gemini, Sebastian Sachse
