15. Juni Das „Grüne Band“: Als UNESCO-Welterbe ein Symbol von Trennung und Zusammenwachsen
Gern teilen wir die Pressemitteilung der Konferenz der Landesbeauftragten vom 11. Juni 2026 anlässlich der Tagung „Das Grüne Band auf dem Weg zum Welterbe“ in Probstzella (Thüringen):
Das „Grüne Band“ in Deutschland ist ein historisch gewachsener Erinnerungs- und Naturraum von herausragender Bedeutung. Es folgt dem Verlauf der ehemaligen innerdeutschen Grenze und verweist damit auf eine zentrale Erfahrung vieler Deutscher. Für Menschen im Osten stand diese Grenze für staatliche Überwachung, tausendfache Zwangsaussiedlungen sowie die Trennung von Familien und wirtschaftlichen Beziehungen. Im Westen erinnern sich viele an die strukturschwachen Zonenrandgebiete, an schikanöse Grenzkontrollen bei der Einreise und an die Auseinandersetzungen um Gorleben. Diese Erfahrungen sind Teil der gesamtdeutschen Geschichte und bis heute für viele Menschen biografisch wirksam.
Heute ist das „Grüne Band“ auch ein Symbol für die friedliche Überwindung dieser Grenze und für die Einheit Deutschlands und das Zusammenwachsen Deutschlands und Europas. Kaum ein anderer Ort verbindet die Erinnerung an Unfreiheit so unmittelbar mit der Erfahrung von Freiheit und demokratischem Neubeginn. Diese Ambivalenz macht das Grüne Band zu einem unverzichtbaren Erinnerungsraum für Ost- und Westdeutsche, der nicht nivelliert, sondern zum Dialog über Unterschiede, Ähnlichkeiten und individuelle Brüche einlädt.
Die ökologische Bedeutung des Grünen Bandes ist untrennbar mit dieser Geschichte verbunden. Dass sich entlang des ehemaligen Grenzstreifens eines der wichtigsten Biotopverbundsysteme Mitteleuropas entwickeln konnte, ist Ergebnis der historischen Abschottung. Natur- und Zeitgeschichte sind hier miteinander verwoben. Genau darin liegt seine außergewöhnliche universelle Bedeutung. Genau darin liegt die Chance, ein gemischtes UNESCO-Welterbe zu etablieren.
Mit der Aufnahme des „Grünen Bandes“ in die deutsche Tentativliste im Jahr 2024 wurde dieser Zusammenhang seitens der Kultusministerkonferenz anerkannt. Nun ist es Aufgabe der Länder, diesen Weg konsequent weiterzugehen. Der Welterbeprozess kann nur erfolgreich sein, wenn sich die Anrainerländer ausdrücklich zu einem gemischten Welterbe bekennen – und damit zur Gleichrangigkeit von Erinnerungskultur und Naturschutz.
Gerade aus gesamtdeutscher Perspektive ist dieser Schritt von besonderer Bedeutung. Die Anerkennung des „Grünen Bandes“ als gemischtes Welterbe bietet die Chance, die unterschiedlichen Erfahrungen mit der ehemaligen innerdeutschen Grenze dauerhaft sichtbar zu halten und zugleich in einen gesamtdeutschen, europäischen und globalen Kontext einzuordnen. Sie verhindert, dass die Geschichte der Teilung regionalisiert, marginalisiert oder auf abstrakte Gedenkformen reduziert wird.
Die Bundesländer tragen hier eine zentrale politische Verantwortung. Sie entscheiden darüber, ob das „Grüne Band“ als zusammenhängender Erinnerungs- und Naturraum erhalten bleibt oder ob seine Bedeutung fragmentiert wird. Ein Zögern oder Ausweichen schwächt nicht nur den begonnenen Bewerbungsprozess, sondern auch die Glaubwürdigkeit staatlicher Erinnerungspolitik.
Das „Grüne Band“ ist kein Randthema – es ist vielmehr ein Schlüsselort deutscher Erinnerungskultur und ein gesamtdeutsches Zukunftsprojekt. Als Landesbeauftragte fordern wir die politisch Verantwortlichen in den Ländern auf, den Bewerbungsprozess des „Grünen Bandes“ für ein gemischtes UNESCO-Welterbe aktiv zu unterstützen: politisch, finanziell und strukturell. Es braucht ein klares Bekenntnis zu diesem Raum als Ort west- und ostdeutscher Erfahrung, gesamtdeutscher Verantwortung und internationaler Verständigung.
Frank Ebert (Berliner Beauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)
Dr. Maria Nooke (Die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur)
Burkhard Bley (Landesbeauftragter für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur)
Dr. Nancy Aris (Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)
Johannes Beleites (Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)
Dr. Peter Wurschi (Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)
Foto: Grenzturm auf dem Hopfenberg, Probstzella. Sebastian Sachse, UOKG
