01. Aug. Entdeckt – empfohlen: „Mauerpogo“ von Sonja M. Schultz
Es ist mal wieder Zeit für eine weitere Folge aus unserer beliebten Serie Entdeckt – empfohlen: Wir springen. Ein Punk-Roman
Sie nahmen sich fremd aus zwischen all den praktisch und schlicht gekleideten DDR-Bürgern auf den Straßen der fiktiven Industriestadt Eisenwerda um 1982. Hierhin verirrte sich kein Inder in malerischer Kleidung oder gar eine Muslima in einem Hijab. Das alles konnte man, wenn man Glück hatte, während der Leipziger Messe bestaunen oder vielleicht noch in Berlin (Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik). Die 1,2 Prozent Ausländer hatten sich längst „integriert“. In ihrer Kleidung unterschieden sie sich nicht von den Deutschen. Sie sprachen leise und nach Möglichkeit deren Sprache. Jetzt kamen die Punks, mit lauter Musik (ach was, das war doch Affenmusik), schrillen Klamotten, Sicherheitsnadeln im Ohr, buntgefärbten Hahnenkämmen und in der Hand immer eine Flasche Bier. Damit brachten sie nicht nur die Genossen, sondern auch die anständigen Bürger in Rage.
Wie wird man zum Punk? Stopp, das dürfen wir schon nicht mehr erzählen. Nur soviel: Jo, so heißt unsere Heldin, konvertiert während der Jugendweihe zum Punk. Nein, das ist nicht richtig. Jo kleidet sich als Punk. Und auch das nur andeutungsweise. Sie weiß gar nicht, was ein Punk ist. Jo brüllt sogar das Gelöbnis der Jugend-Geweihten eifrig mit, immer ein braver DDR-Bürger sein zu wollen. Trotzdem. Von nun an ist sie „draußen“. Das geht Schritt für Schritt, Stoß für Stoß. Über ein Jahr lang.
Sonja M. Schultz schreibt keine Dokumentation. Doch hält sie sich an die mitunter bittere Wahrheit. Jenseits des staatlich verordneten Hospitalismus blitzen Freiheit und Selbstbestimmung zwar immer wieder mal auf, doch jeder Punk hat zu sehr mit den auf ihn persönlich zugeschnittenen Repressionen zu kämpfen, als dass er sich dauerhaft mit anderen zu einer Gemeinschaft der Freien hätte zusammenfinden können.
Wer wohnt wo? Wer ist dann doch schon im Jugendwerkhof gelandet? Wer wurde zur Armee eingezogen? Wer saß im Jugendknast? Wer wurde aus welchem Bildungsgang verbannt? Wer wurde wann vor die Stasi geladen? Wann war es Zeit, aus dem Fenster zu springen? Das waren die existenziellen Fragen, die einen Jugendlichen massiv überfordern. In diesem Umfeld ist die Musik der Punks zu hören, in diesem Umfeld ist sie frei und schön: Ein Schrei nach Freiheit. Ihr kriegt uns nicht.
Die Wahrheit ist: Den einen oder anderen kriegten sie doch. Wieder ein anderer ging daran kaputt, dass er sich nicht kriegen ließ. Freundschaft und Verrat wohnten nebeneinander. Neben dieser Melange aus Jagen und Gejagt-werden war die für das Jugendalter typische Entwicklung zu absolvieren: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was soll aus mir in meinem Leben werden? Wem vertraue ich mein Leben an? Diese Fragen, die fast stündlich Erkenntnisse herausforderten, entschieden und irgendwann auch bedacht werden wollten, ziehen mit Urgewalt durch das Leben von Jo. Dass sie sich überfordert fühlt, hilft ihr nicht – wie ihr überhaupt niemand hilft (vielleicht auch nicht helfen kann). So vergeht ein Jahr im Leben Jos in atemlosen Kämpfen. Am Ende steht eine Beerdigung. Und ein Tanz als Bekenntnis: Der Pogo. (Dr. Christian Sachse)
Sonja M. Schultz: Mauerpogo
Blumenbar, Aufbauverlage GmbH & Co. Berlin 2025
384 Seiten, ISBN: 978-3351051372, 22 €
