Neu bei der UOKG: Der Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen

Am 20. Juni 2026 ist der Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen in die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) aufgenommen worden. Das ehemalige Notaufnahmelager (NAL) am Meisenbornweg in Gießen ist ein authentischer historischer Ort von nationaler Bedeutung, denn es ist deutschlandweit die älteste und einzige seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 ununterbrochen arbeitende Aufnahmeeinrichtung für hunderttausende Ankommende aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. späteren DDR.

Dieser Ankunftsort ist eine ununterbrochene Erzählung menschlicher Schicksale deutscher Zeitgeschichte über Heimatvertreibung, Flucht, Aussiedlung und politische Verfolgung. Vielen ehemaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürgern ist die Anlage als „Tor zur Freiheit“ in Erinnerung geblieben. Die im Juni 2025 eröffnete Dauerausstellung der Gedenkstätte widmet sich den zahlreichen Facetten dieser Historie. Sie beleuchtet Ausreisemöglichkeiten, das oft komplizierte bürokratische Aufnahmeverfahren im Westen sowie den Alltag der Menschen im Durchgangslager.

Auch problematische Aspekte des Ankommens werden nicht ausgespart: So dokumentiert die Schau, wie DDR-Geflüchtete im Lager durch westliche Geheimdienste befragt und gleichzeitig durch Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit bespitzelt wurden. Durch sorgfältig ausgewählte persönliche Objekte, historische Dokumente und interaktive Zeitzeugeninterviews werden die Ereignisse anschaulich und greifbar vermittelt.

Darüber hinaus schlägt die Ausstellung einen Bogen in die jüngere Vergangenheit. Nach dem Fall der Mauer endete die Geschichte des Aufnahmelagers nicht; die Räumlichkeiten wurden bis ins Jahr 2018 als Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete aus aller Welt weitergenutzt. Diese Überlagerung unterschiedlicher Nutzungsphasen macht das ehemalige Notaufnahmelager zu einem außergewöhnlich vielschichtigen Ort, der dazu anregt, über Kontinuitäten und Brüche von Flucht und Ankunft nachzudenken. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall, um sich intensiv mit der jüngeren Demokratiegeschichte und den individuellen Wegen in die Freiheit auseinanderzusetzen.

Foto: Das Notaufnahmelager Gießen in den 50er Jahren. www.notaufnahmelager-giessen.de