Ein (fast) vergessenes Kapitel der DDR-Geschichte: Die Kinderklinik Neufahrland

Die prachtvolle „Villa Adlon“ (heute „Villa Aurea“) am Lehnitzsee nahe Potsdam ist heute vor allem als Kulisse für hochkarätige Events bekannt. Doch hinter der historischen Fassade verbirgt sich ein langes im Verborgenen gebliebenes Stück ostdeutscher Medizingeschichte: Von 1948 bis 1966 befand sich hier eine psychiatrische Einrichtung für Kinder, die in vielerlei Hinsicht aus dem Raster des sozialistischen Systems fiel. Es ist ein hochgradig emotionales Kapitel der Heimerziehung, das bei den Betroffenen Erinnerungen an tiefe Einsamkeit, aber auch an unerwartete pädagogische Freiräume weckt.

Dank eines zufälligen Aktenfundes auf dem Dachboden des Gebäudes konnte diese Geschichte vor dem Vergessen bewahrt werden. In dem vom Land Brandenburg geförderten Forschungsprojekt „Kinderpsychiatrie in der DDR. Die Villa Adlon und ihr wechselvolles Erbe“ haben die Fachhochschule Potsdam und das Informations- und Begegnungszentrum (IBZ) Königsheide über ein Jahr lang Dokumente ausgewertet und bewegende Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt. Die Ergebnisse dieser tiefgreifenden Aufarbeitung wurden erst vor wenigen Tagen, am 24. Februar 2026, am historischen Ort der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Auswertungen zeichnen ein sehr ambivalentes Bild des damaligen Klinikalltags. Unter der Leitung der Fachärztin Dr. Felicitas Glowik erlebten die Kinder einen erstaunlichen konzeptionellen Freiraum. Anstatt die jungen Patientinnen und Patienten – unter ihnen viele kriegstraumatisierte Kinder, „Bettnässer“ (Enuretiker) oder schlichtweg Kinder, denen „Neurosen“ unterschiedlichster Art attestiert wurde – primär medikamentös ruhigzustellen oder sie gewaltvoll zu einer „sozialistischen Persönlichkeit“ umzuerziehen, verfolgte man in Neufahrland einen ganzheitlichen, heilpädagogischen Ansatz. Freies Spiel, handwerkliche Tätigkeiten und eine individuelle Entwicklungsförderung prägten den Alltag. Für einen Staat, der zunehmend die Unterordnung in das Kollektiv forderte und anthroposophische Ansätze strikt ablehnte, war dies ein bemerkenswerter und mutiger Gegenentwurf.

Dennoch darf dieser fortschrittliche Ansatz nicht über die massiven emotionalen Härten hinwegtäuschen, die für die Kinder zutiefst traumatisch waren und ihre Biografien teilweise bis heute prägen. Ehemalige Patientinnen und Patienten berichten übereinstimmend von einer intensiven emotionalen Deprivation. Besonders einschneidend war die obligatorische Quarantäne bei der Einweisung: Die Kinder wurden ohne triftigen Grund tage- bis wochenlang unter strenger Bettruhe von anderen Kindern  isoliert. Gepaart mit einem absoluten Besuchsverbot und der Ungewissheit über Grund, Ort und Dauer ihres Aufenthalts, durchlitten viele Kinder gravierendes Heimweh und das Gefühl völliger Verlassenheit. „Man hat gedacht, die Welt ist zu Ende“, fasst ein Zeitzeuge diese dunklen Momente der Isolation treffend zusammen.

Der theraputische Sonderweg der Klinik Neufahrland blieb den staatlichen Behörden und dem Ministerium für Staatssicherheit, das die Einrichtung durch Inoffizielle Mitarbeiter (IM) bespitzeln ließ, nicht verborgen. Im Jahr 1966 wurde die Klinik völlig überraschend geschlossen. Offiziell wurden finanzielle Gründe angeführt, doch die Vermutung liegt nahe, dass das unangepasste, liberale Konzept im Zuge der Umstrukturierung von Kinderheimen in das Kombinat der Sonderheime 1964 politisch schlichtweg nicht länger toleriert wurde.

Bis heute bleiben viele Leerstellen, die das IBZ Königsheide durch fortlaufende Recherchen weiter aufzuklären versucht. Aktuell entsteht eine digitale Dokumentation auf der Webseite des IBZ, und auch eine filmische Dokumentation ist bereits in Arbeit. Für Interessierte bietet sich voraussichtlich am „Tag des offenen Denkmals“ im September 2026 die nächste Gelegenheit, die historische Villa und die dazugehörige Ausstellung zur Klinik Neufahrland zu besichtigen. Einen ausführlichen Bericht finden Sie unten auf dieser Seite als PDF.

Foto: Mitwirkende des Reallabors der FH Potsdam und ZeitzeugInnen am historischen Ort. IBZ Königsheide

Anlage:

Datei Beschreibung Dateigröße Downloads
pdf 260227 Bericht von der Tagung am 24.2.26 zur Kinderklinik Neufahrland (Sebastian Sachse) 90 KB 3