Hinterhältig ermordet vor 50 Jahren – Gedenkveranstaltung für Michael Gartenschläger in Büchen

Dieser Bericht erreichte uns von Felix Heinz Holtschke, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der VOS – vielen Dank dafür:
Mit dem Fahrzeug-Navigator würde man das nach dem vor 50 Jahren dort Ermordeten und nach ihm benannten Gartenschläger-Eck nicht finden. Google-Maps jedoch hilft. Mitten im Kiefernwald an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, seinerzeit auch als Eiserner Vorhang gefürchtet, zwischen Büchen in Schleswig-Holstein und Greven in Mecklenburg-Vorpommern steht es, das große, silberglänzende Edelstahl-Kreuz für Michael Gartenschläger. Unter seinem Namensschild seine Lebensdaten: Geboren am 13. Januar 1944, gestorben am 30.04.1976. Er wurde nur 32 Jahre alt und starb genau an dieser Stelle, jedoch keines natürlichen Todes. Dafür war er einfach noch zu jung.

Salven aus Kalaschnikow-Maschinenpistolen streckten ihn in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1976 tödlich nieder. Die Mörder führten gewissenhaft und skrupellos ihren Auftrag aus, befohlen von höchster Stelle aus der Stasi-Zentrale in der Ostberliner Normannenstraße, nämlich den Mann für immer zu eliminieren, der in dieser Nacht zum 3. Male eine sogenannte Selbstschussanlage Typ SM-70 vom Metallgitterzaun zu demontieren versuchte. Gartenschläger wollte anhand dieser Tötungsmaschine der ganzen Freien Welt die Unmenschlichkeit der innerdeutschen Grenze beweisen und bezahlte für dieses waghalsige Unterfangen mit seinem jungen Leben.

Von 1971 bis zu deren Abbau im Jahre 1984 hatten die DDR-Grenzsicherungsorgane ca. 60.000 dieser Splitterminen an der 447 km langen Westgrenze installiert. Durch Verrat auf westdeutscher Seite wusste das Stasi-Spezialkommando Zeit und Ort für sein gewagtes Vorhaben, lauerte ihm in jener Nacht auf und machte mit ihm kurzen Prozess. Seine Leiche wurde unter strengster Geheimhaltung nach Schwerin verschleppt und dort als unbekannte Wasserleiche anonym vergraben. Erst nach der Wende wurde sein Grab auf dem Schweriner Waldfriedhof in ein Ehrengrab umgewidmet.

Und so war es für den Freundeskreis Michael Gartenschläger und dem Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur von Mecklenburg-Vorpommern ein dringendes Anliegen, 50 Jahre nach diesem barbarischen Tötungsakt, Opfer des SED-Regimes sowie Politiker zu einer Gedenkfeier an den Ort des Geschehens einzuladen. Es versammelten sich zur Mittagsstunde an diesem freundlichen 1. Mai-Tag etwa 40 engagierte Bürger rund um diese Gedenkstätte, um Michael Gartenschläger, diesem mutigen, aber vielleicht allzu waghalsigen Kämpfer für Freiheit und Menschenrechte zu gedenken. Es wurden zahlreiche Kränze und Blumengebinde niedergelegt.

Die Begrüßungsansprache hielt Wolfgang Wiese, Vorsitzender des Freundeskreises Michael Gartenschläger und gleichzeitig amtierender VOS-Landesvorsitzender von Hamburg und Schleswig-Holstein. Als Initiator des Freundeskreises hat er maßgeblichen Anteil am Entstehen und am Erhalt dieser Gedenkstätte, wohl auch, weil er Michael Gartenschläger noch zu Lebzeiten persönlich kannte. Er sorgte aktuell auch für einen Gedenkstein links neben dem Gedenkkreuz, dessen Inschrift im Rahmen dieser Gedenkfeier enthüllt worden ist:

„Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“

lautet die Botschaft Michael Gartenschlägers an die nachfolgenden Generationen. Er konnte damals nicht ahnen, dass es einmal einen 9. November 1989 an der Berliner Mauer geben wird…

Es folgten Gedenkansprachen von Burkhard Bley, dem Landesbeauftragten aus Schwerin, der Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages Jette Waldinger-Thiering, des Landrates des Kreises Herzogtum Lauenburg Dr. Christoph Mager, sowie des Verfassers dieses Beitrages im Namen des Bundesvorstandes der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V. Alle Redner würdigten auf persönliche Weise den unerschrockenen, mutigen, ja waghalsigen Kampf Gartenschlägers gegen das DDR-Unrechtssystem. Einfühlsame Harfenmusik, intoniert von der Ukrainerin Elena Lavrenteev, füllten die Zeiträume zwischen den Redebeiträgen.

Zum Abschluss der bewegenden Gedenkveranstaltung versammelten sich die Anwesenden zu einer Gedenkminute rund um die blumen- und kranzgeschmückte Gartenschläger-Erinnerungsstätte. Über eigens aufgestellte Lautsprecher erklang die Freiheitsglocke aus dem Berliner Schöneberger Rathaus und der legendäre Freiheitsschwur

„Ich glaube an die Unantastbarkeit und die Würde jedes einzelnen Menschen…“

Das Gartenschläger-Gedenken an diesem Tage fand jedoch erst auf dem Schweriner Waldfriedhof seinen Abschluss. Auch dort, am Ehrengrab des vor 50 Jahren Ermordeten, trafen sich am Nachmittag u.a. Schweriner Bürger, unter ihnen Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung von Mecklenburg-Vorpommern, um auch an seiner letzten Ruhestätte Kränze und Blumen nieder-zulegen. Burkhard Bley sprach Worte des Gedenkens, umrahmt von feierlichen Klängen des Schweriner Flöten-und Trompeten-Duos Rust.
Dieser bewegende Tag zum Gedenken an Michael Gartenschläger endete hier mit einer Schweigeminute.

Fotos: Gedenkfeierlichkeiten für Michael Gartenschläger. Felix Heinz Holtschke