Musikalischer Exkurs zum Jahresende: Betterov

Wir möchten die Zeit zwischen den Tagen nutzen, um Ihren Blick auf einen jungen Musiker namens Betterov zu lenken, dessen berührende und bewegende Songs den einen oder die andere von uns durch das Jahr 2025 begleitet haben.

Hinter dem Künstlernamen Betterov steckt der 1994 geborene Manuel Bittorf. Seine Herkunft spielt in seinem Schaffen eine zentrale Rolle: Er wuchs in einem 900-Einwohner-Dorf in der thüringischen Rhön auf, in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen innerdeutschen Grenze. Die ländliche Sozialisation und die tragische Geschichte in seiner Familie – sein Vater floh 1989 aus der DDR – prägen seine Texte maßgeblich.

Seine Musik, angesiedelt zwischen deutschem Indie-Rock und Post-Punk, thematisiert oft das Gefühl von Enge, die Suche nach Identität und die Kontraste zwischen der Provinz und seinem heutigen Leben in Berlin. Schon mit seinem Debütalbum Olympia von 2022 hatte Betterov zu seinem unverwechselbaren Sound gefunden. Mit dem im November ’25 erschienenen Nachfolgealbum Große Kunst hat er sich seinen Platz als wichtige Stimme in der aktuellen deutschen Indie-Szene souverän gesichert.

In seinen beiden Songs „17. Juli 1989“ und „18. Juli 1989“ verarbeitet Betterov die Fluchtgeschichte seines Vaters aus der DDR. Während der erste Song die unerträgliche Spannung und das Abschiednehmen des Vaters von seiner Frau kurz vor der Flucht einfängt, schildert der zweite Teil die Situation der Zurückgebliebenen, die Furcht vor den Konsequenzen und die bis heute andauernde Bewältigung des Traumas.

Betterov nutzt diese sehr persönlichen Daten, um übergeordnete Themen wie Generationenkonflikte, Freiheit und Entwurzelung zu behandeln. Die Lieder dienen als Brücke zwischen seiner eigenen Identität und der mitunter traumatischen Vergangenheit seiner Herkunft. Mit treibenden Post-Punk-Gitarren macht er die historische Zäsur emotional greifbar und zeigt, wie tief die Geschichte der deutschen Teilung noch immer in den Biografien der Nachwendegeneration verwurzelt ist.

Betterov hat beide Songs im Rahmen der „tv noir” Events im August ’25 live als Akustik-Versionen im Admiralspalast präsentiert und es sind wirklich wunderbare Videos daraus entstanden, die Sie hier anschauen können. Das dritte Video enthält ein längeres Interview von Betterov mit dem Podcaster Matze Hielscher aus Berlin. Darunter sind noch die Texte beider Songs nachzulesen. Wir wünschen gute Unterhaltung!

Foto: Betterov live bei tv noir 2025

Betterov – 17. Juli 1989

17. Juli 89
Er wartet bis es Nacht wird
Dann verlässt er das Haus
In Richtung eines Eisenzauns
In eine andere Welt
Kein Gepäck
Bisschen Geld
In seine Jacke eingenäht
17. Juli 89
Vorbei am Ortsschild
Drei Haken selbstgebaut
Hingen schwer um seinen Bauch
Ab jetzt durfte ihn niemand sehen
Ab jetzt sind’s 5 Jahre Haft
Für ein Leben in ’nem anderen Land
Zuhause schliefen alle noch tief und fest
In einen neuen Tag
An dem alles anders ist…

Und wenn sie dich holen musst du sagen
Du weißt nicht wo ich bin
17. Juli keine Ahnung
Du wusstest nichts davon
Ich bin vor’m Fernseh’n eingepennt
Und du bist schon mal ins Bett
Das war nichts Ungewöhnliches
Und am Morgen war er weg

Wenn sie mich holen muss ich sagen
Ich weiß nicht wo du bist
17. Juli keine Ahnung
Ich wusste nichts davon
Er ist vor’m Fernsehen eingepennt
Und ich bin schon mal ins Bett
Das war nichts Ungewöhnliches
Und am Morgen war er weg

Er rammt er den Haken in den Zaun
Fasst dabei in einen Draht
Ein Posten schlägt Alarm
Dann kreisen Lichter überall
Ja mitten in der Nacht war es hell
Wie am Tag
Der letzte Zaun in Sicht
Einfach dasselbe noch einmal
Im Vollsprint durch die Hecken
An den Lichtkegeln vorbei
Pflanzen wickeln sich um’s Bein als wollen auch sie ihn hier behalten
Dann hoch auf den 2. Zaun
Lässt sich fallen
In das Gras
In einem anderen Land
Zuhause schliefen alle noch tief und fest
In einen neuen Tag
An dem alles anders ist…

Und wenn sie dich holen musst du sagen
Du weißt nicht wo ich bin
17. Juli keine Ahnung
Du wusstest nichts davon
Ich bin vor’m Fernsehen eingepennt
Und du bist schon mal ins Bett
Das war nichts Ungewöhnliches

Und am Morgen war er weg
Wenn sie mich holen muss ich sagen
Ich weiß nicht wo du bist
17. Juli keine Ahnung
Ich wusste nichts davon
Er ist vor’m Fernsehen eingepennt
Und ich bin schon mal ins Bett
Das war nichts Ungewöhnliches
Und am Morgen war er weg

Da wo die Scheinwerfer mal kreisten
Ist heut‘ nichts mehr zu sehen
Einfach nur ein leeres Feld
Auf dem die Kühe manchmal stehen

Betterov – 18. Juli 1989

Meine Mutter bügelt Tränen in ihr Kleid
Als aus dem Nachbarhaus
Ein Fernglas auf sie zeigt…

Und an dem Gras
An dem man seinen Abdruck sah
Bellten an kurzen Leinen Hunde durch die Nacht
Spulten zurück
Wo alles angefangen hat
Bis zu einem Haus
In dem ein neuer Tag begann

Und aus Begegnungen in der Nachbarschaft
Wurden Vermutungen schriftlich zusammengefasst
In fensterlosen Zimmern
Unter einem hohen Dach
Wo man jetzt ein Auge auf sie warf
Und immer an diesem Tag
Sitzen wir wo die Hunde waren
Heute trag‘ ich diesen Namen
Sie kommen zu mir auf der Straße
Neulich warst du doch im Fernsehen
Da haben wir dich gesehen
Und jetzt vergiss nicht wo du herkommst
Und ich frag‘ mich wie soll das gehen
Wie soll das gehen

Plötzlich kam Besuch von ganz alten Bekannten
Wir haben uns doch wirklich schon lange nicht gesehen
Dann sprach man über’s Wetter
Und was es so Neues gibt
Bei uns nicht viel
Deshalb fang du doch gerne an

Und aus Begegnungen In der Nachbarschaft
Wurden Vermutungen schriftlich zusammengefasst
In fensterlosen Zimmern unter einem hohen Dach
Wo man jetzt ein Auge auf sie warf‘
Und immer an diesem Tag
Sitzen wir wo die Hunde waren
Heute trag‘ ich diesen Namen
Sie kommen zu mir auf der Straße
Neulich warst du im Fernsehen
Da haben wir dich gesehen
Und jetzt vergiss nicht wo du herkommst
Und ich frag‘ mich wie soll das gehen
Wie soll das gehen
Wie soll das gehen