„Ein feiger Mord“ – Schülerwohnheim in Halle erinnert künftig an Heiko Runge

Es ist der 29. April 2026. Gut zwei Dutzend Menschen haben sich an diesem Tag vor dem Schülerwohnheim in Halle-Neustadt versammelt. Es ist ein stiller, würdevoller Moment, geprägt von kurzen Ansprachen und einer Schweigeminute. Anlass ist die feierliche Umbenennung des Hauses in „Heiko Runge Wohnheim“ und die Enthüllung einer Gedenktafel an der Hauswand. Sie trägt den Namen, die Lebensdaten und einen kurzen Verweis auf die tragische Geschichte jenes 15-jährigen Schülers, der hier in Neustadt lebte – und dessen Drang nach Freiheit ihn das Leben kostete. Für die UOKG nahm Sandra Czech an der bewegenden Gedenkveranstaltung teil.

Die Ehrung geht auf eine private Initiative von Michael Teupel und einen Beschluss des Stadtrats vom September 2025 zurück. Sein zentrales Anliegen ist es, die Erinnerung an die Todesopfer der innerdeutschen Grenze nicht nur am ehemaligen Todesstreifen wachzuhalten, sondern das Gedenken direkt an die Herkunftsorte der Opfer zu tragen.

Das Schicksal von Heiko Runge steht stellvertretend für die brutale Realität und Menschenverachtung des DDR-Grenzregimes. Anfang Dezember 1979 versuchte der 15-Jährige gemeinsam mit seinem Schulfreund Uwe Fleischhauer in der Nähe von Wernigerode über den Harz in die Bundesrepublik zu flüchten. Beim Durchkriechen eines Grenzzaunes lösten die beiden Jugendlichen ein Signal aus und wurden umgehend von Grenzposten verfolgt. Auf Anrufe stehen zu bleiben und einen Warnschuss folgten mehrere gezielte Schüsse. Heiko Runge wurde tödlich getroffen und starb noch an der Unglücksstelle.

Erst in den 90er Jahren mussten sich die beiden verantwortlichen Grenzer vor Gericht verantworten. Das Landgericht Magdeburg verurteilte sie nach Jugendstrafrecht lediglich zu Bewährungsstrafen. Ein Umstand, der bei den Hinterbliebenen und Aufarbeitern bis heute schmerzt. „Für mich war das ein feiger Mord“, erklärte Initiator Michael Teupel am Rande der Einweihung tief bewegt. „Das zeigt, wie verabscheuungswürdig das System war. Dass wehrlose 15-jährige Schüler erschossen wurden. Das sind Merkmale eines Unrechtsstaats und das war die DDR.“

Erschütternd ist nicht nur die Tat selbst, sondern auch die anschließende Maschinerie der Staatssicherheit, die alles daransetzte, den Tod des Jungen zu vertuschen. Zunächst weigerte sich eine Standesbeamtin der Stadt Halle, das falsche „Halle-Neustadt“ als Sterbeort in den Totenschein einzutragen. Auf Veranlassung der Stasi wurde dieser Sterbeort schließlich doch beurkundet, um den wahren Todesort an der Grenze zu verschleiern.

Dass dieses System des Verschweigens nicht das letzte Wort behält, zeigt die nun angebrachte Gedenktafel. Evelyn Zupke, die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, betonte: „Ich bin Michael Teupel sehr dankbar, dass er sich immer wieder engagiert. Und ich bin auch der Stadt Halle sehr dankbar, dass sie diese Möglichkeit schafft. Das sollte ein Beispiel sein für andere Orte, Gleiches zu tun.“

Mit dem „Heiko Runge Wohnheim“ und der feierlichen Enthüllung der Tafel wird wiederholt ein starkes Zeichen gegen das Vergessen gesetzt. Die Geschichte von Heiko Runge ist nun wieder im Alltag sichtbar – dort, wo der 15-Jährige einst die Schule besuchte.

Das ZDF hat 2015 eine Dokumentation über das Schicksal von Heiko Runge produziert, die Sie auf YouTube anschauen können.