21. März Wanderausstellung zum „Asozialenparagrafen“ bis 20. April ’26 in Haus 22 in Berlin
Seit dem 16. März 2026 präsentiert das Stasi-Unterlagen-Archiv auf dem Berliner Campus für Demokratie eine neue Wanderausstellung, zu der auch die UOKG thematisch beigetragen hat. Unter dem Titel „Erziehung durch Arbeit. ‚Asoziale‘ als Staatsfeinde in der DDR“ widmet sich das von exhibeo e. V. in Kooperation mit der UOKG e. V. erarbeitete Projekt einem oft vergessenen Kapitel der DDR-Geschichte: der systematischen Ausgrenzung und Kriminalisierung von Menschen, die nicht dem Idealbild des „sozialistischen Menschen“ entsprachen.
Wer einen abweichenden Lebensstil pflegte, politische Aufmüpfigkeit zeigte, einen Ausreiseantrag stellte oder schlicht in Armut lebte, geriet schnell ins Visier des SED-Regimes. Behörden und Justiz stilisierten diese Menschen zur Gefahr für die kollektive Moral. Die Ausstellung zeigt die politisch und ideologisch motivierte Kriminalisierung durch den „Asozialenparagrafen“. Dessen vage Definition machte den § 249 zu einem universellen Werkzeug der Repression.
Wie zerstörerisch dieses Instrument eingesetzt wurde, verdeutlichen vierzehn porträtierte Lebenswege. Die Bandbreite reicht vom Punker über Andersdenkende bis zur Prostituierten. So verlor etwa die minderjährige Mutter Ramona Gebler unter dem Druck von Jugendhilfe und Betrieb zunächst ihren Sohn und später ihre Freiheit, als sie wegen angeblicher „Arbeitsbummelei“ inhaftiert wurde. Andere Biografien zeigen eine Jugendhilfe, die über Heime und Jugendwerkhöfe statt Schutz oft nur Zwang kannte. Auch die Punkszene um Dieter „Otze“ Ehrlich steht exemplarisch für eine Jugendkultur, die gezielt zersetzt und durch Inhaftierungen nach § 249 bekämpft wurde. Ebenso wurden Oppositionelle wie Christian Kunert oder Ausreiseantragsteller wie Thomas Pflug unter diesem Vorwurf weggesperrt. Die Dimensionen des Unrechts sind erschreckend: Zwischen 1969 und 1989 kam es zu rund 146.000 Verurteilungen nach Paragraf 249, wovon über 125.000 mit Freiheitsentzug endeten. Viele Betroffene hätten soziale Hilfe benötigt, wurden stattdessen aber inhaftiert.
Für die UOKG ist es ein zentrales Anliegen, darauf hinzuweisen, dass die Stigmatisierung dieser Menschen weit über die eigentliche Haftzeit hinausging. Bis heute erhalten Betroffene eine strafrechtliche Rehabilitierung und Entschädigung für das erlittene Leid oft nur in langwierigen Einzelfallprüfungen. Die Ausstellung lädt mit Fotos, Dokumenten und Zeitzeugeninterviews dazu ein, diese blinden Flecken der Aufarbeitung endlich sichtbar zu machen.
📅 bis 30. April 2026 | täglich von 10 bis 18 Uhr
📍 Haus 22, Campus für Demokratie, Ruschestraße 103, 10365 Berlin
🎟 Der Eintritt ist frei, aber leider nicht barrierefrei
Vertiefend finden zwei Begleitveranstaltungen statt:
Am 24. März ’26 um 18 Uhr zum Thema „Punk und § 249“ sowie am 22. April ’26 zu „§ 249 und Kindesentzug durch die Jugendhilfe in der DDR“.
Mehr Infos zu den Veranstaltungen und den Förderern gibt es auf der Seite des Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archivs und im unten angehängten Flyer.
Foto: Ost-Berlin, eastblockworld, EBW_PH_1221893
