10. März Der Otto-Konzern und das brisante Thema DDR-Zwangsarbeit im Hamburger Abendblatt
Hamburg/Berlin, März 2026 – Ein dunkles Kapitel der deutsch-deutschen Wirtschaftsgeschichte rückt erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Am Samstag, den 7. März 2026, widmete das Hamburger Abendblatt dem brisanten Thema der DDR-Zwangsarbeit und der Rolle westdeutscher Unternehmen einen ganzseitigen Artikel (Bezahlschranke). Im Zentrum der Berichterstattung der Journalistin Hanna-Lotte Mikuteit steht der Hamburger Otto-Konzern, der über Jahrzehnte Kameras vertrieb, die nachweislich auch von politischen Häftlingen in der DDR produziert wurden. Wie das Abendblatt detailliert schildert, bot der Otto-Versand in seinen Katalogen mindestens zwei Jahrzehnte lang Spiegelreflexkameras der Marke „Praktica“ an, hergestellt vom VEB Pentacon in Dresden.
Was damals hinter den Kulissen geschah, ist heute historisch belegt: Die Gehäuse dieser Kameras wurden ab 1964 zu großen Teilen von politischen Gefangenen im berüchtigten Zuchthaus Cottbus gefertigt – unter widrigsten Bedingungen, ohne Schutzausrüstung und unter Androhung von drakonischen Strafen wie Einzelarrest oder Essensentzug. Die SED-Opferbeauftragte des Bundestags, Evelyn Zupke, untermauert mit Verweis auf eine aktuelle Studie der Humboldt-Universität, dass davon ausgegangen werden müsse, „dass, wer wie Otto über viele Jahre Kameras des VEB Pentacon verkaufte, auch Kameras mit Teilen aus der Gefängnisproduktion vertrieben hat“. Da es im VEB Pentacon ein zentrales Lager gab, in dem alle Teile durchmischt wurden, ist es faktisch ausgeschlossen, dass die in den Westen exportierten Chargen frei von Zwangsarbeit waren.
Obwohl die Faktenlage durch Archivgut und Stasi-Akten erdrückend ist, weigert sich der Otto-Konzern bislang, moralische und ethische Verantwortung zu übernehmen. In den vergangenen Monaten gab es intensiven Kontakt zwischen Vertretern des Otto-Konzerns, der SED-Opferbeauftragten Evelyn Zupke und dem UOKG-Vorsitzenden Dieter Dombrowski. Dombrowski, der 1974 selbst wegen versuchter Republikflucht in Cottbus inhaftiert war und dort an den Stanzmaschinen für die Kamera-Gehäuse schuften musste, schilderte dem Konzern die Schikanen und das Leid der Betroffenen aus erster Hand.
Trotz dieser eindringlichen Berichte und der vorgelegten Beweise weicht Otto nicht von seinem Standpunkt ab. Der Konzern argumentiert, die Kameras seien nur ein Randsortiment gewesen und es fehle an „spezifischen“ wissenschaftlichen Beweisen für exakt jene Kameras, die in den Otto-Katalogen landeten. Eine unabhängige Untersuchung im eigenen Haus – wie sie andere Unternehmen bereits durchführten – lehnt Otto ebenfalls ab. Aber auch wenn die Fronten aktuell verhärtet scheinen, gibt die UOKG nicht auf. Die Zeit drängt, denn viele der ehemaligen politischen Gefangenen leiden bis heute an den gesundheitlichen und finanziellen Spätfolgen der Haft. Dieter Dombrowski sagt dazu: „Die Otto Group glaubt, die Sache aussitzen zu können, wir nicht! Otto soll mit uns reden, nicht mehr und nicht weniger.“
Es gibt jedoch Hoffnung auf einen Wendepunkt: Im November 2025 ist der bundesweite Härtefallfonds für SED-Opfer gestartet, an dem sich beispielsweise der schwedische Möbelkonzern Ikea (neben Bundesmitteln) mit sechs Millionen Euro beteiligt hat. Inzwischen konnten daraus bereits Hilfen in Höhe von knapp einer halben Million Euro an Bedürftige bewilligt werden. Die Erwartungshaltung und die Hoffnung von Betroffenen, der UOKG und der Politik richten sich nun an Otto: Das Familienunternehmen, das für sich in Anspruch nimmt, sozial und verantwortungsvoll zu handeln, hat nach wie vor die Chance, sich an diesem Härtefallfonds zu beteiligen. Wie Evelyn Zupke im Abendblatt treffend formuliert: „Otto könnte als erstes deutsches Unternehmen mit einer Beteiligung zum Vorbild werden“ – für die viele andere deutschen Firmen, die vom Leid der Häftlinge profitiert haben.
Foto: Screenshot des Hamburger Abendblatts vom 7. März 2026
