Ein Name kehrt zurück: Gedenktafel „Die letzte Adresse“ für Horst Kampioni in Frankfurt/Oder

Bei strahlendem Sonnenschein und in Anwesenheit von rund 50 Gästen wurde am 20. März 2026 am Sauerhaus, dem Sitz des Märkischen Medienhauses in Frankfurt/Oder ein spätes, aber wichtiges Zeichen der Erinnerung gesetzt. Die 15. deutsche Gedenktafel des internationalen Projekts „Die letzte Adresse“ erinnert fortan an den Fotoreporter Horst Kampioni, der 1953 in Moskau den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel.

Für die Angehörigen war die feierliche Anbringung der kleinen Metalltafel ein hochemotionaler Moment der späten Gerechtigkeit. Neben dem Bruder des Ermordeten nahmen auch seine Schwester Gisela Eggert und seine Tochter Marion Kampioni an der Veranstaltung teil. Während Gisela Eggert die Gedenktafel in den Händen hielt, zeigte Tochter Marion ein Foto ihres Vaters – ein Gesicht, das durch die Tafel nun wieder fest mit dem Stadtbild von Frankfurt/Oder verwoben ist. Begleitet wurde die Zeremonie von mehreren RednerInnen, die an das Schicksal Kampionis und die historische Aufarbeitung erinnerten. Es sprachen unter anderem der Frankfurter Oberbürgermeister Axel Strasser, Karl-Konrad Tschäpe von der lokalen „Gedenkstätte für Opfer politischer Gewaltherrschaft“, die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in der DDR, Maria Nooke, sowie Vertreter der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) und der MOZ.

Die Biografie von Horst Kampioni steht stellvertretend für die Willkür des sowjetischen Geheimdienstapparates in der Nachkriegszeit. Geboren am 9. Mai 1927 in Frankfurt/Oder und aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie, diente er zum Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Kriegsmarine. 1946 trat er in die SED ein. Der gelernte Tischler, der verheiratet und Vater von zwei Kindern war, arbeitete später als Fotoreporter in der Redaktion der Zeitung „Neuer Tag“ in seiner Heimatstadt. Am 1. Oktober 1952 wurde Kampioni direkt an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Auch für seine Ehefrau begann ein Martyrium: Sie wurde mehrfach vom sowjetischen Ministerium für Staatssicherheit (MGB) in Frankfurt/Oder vernommen. Am 28. November 1952 sah sie ihren Mann ein letztes Mal im Untersuchungsgefängnis Magdalenenstraße in Berlin.

Das Sowjetische Militärtribunal (SMT) Nr. 48240 verurteilte Kampioni am 26. Dezember 1952 in Berlin-Lichtenberg wegen angeblicher Spionage und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation zum Tode durch Erschießen. Nach der Ablehnung seines Gnadengesuchs durch das Präsidium des Obersten Sowjets wurde das Urteil am 31. März 1953 im Moskauer Butyrka-Gefängnis vollstreckt. Seine sterblichen Überreste wurden auf dem Donskoje-Friedhof in Moskau verscharrt.

Die nun angebrachte Tafel ist Teil der 2013 in Moskau gegründeten Initiative „Die letzte Adresse“ (russisch: „Poslednij adres“). Das Projekt, das von Mitarbeitenden der Menschenrechtsorganisation Memorial, HistorikerInnen und JournalistInnen ins Leben gerufen wurde, widmet sich dem Gedenken an die Opfer der sowjetischen politischen Repressionen zwischen 1918 und 1991. Angelehnt an das Konzept der „Stolpersteine“ markieren die Tafeln die ehemaligen Wohnhäuser oder Wirkungsstätten der Opfer. Es handelt sich dabei nicht um eine persönliche Ehrung im klassischen Sinne, sondern vielmehr um die bewusste Rückgabe der jahrzehntelang verschwiegenen Namen an die Gesellschaft.

Inzwischen wurden rund 1.500 dieser Tafeln in sieben Ländern, darunter Russland, die Ukraine, Frankreich und Deutschland, installiert. In Russland gibt es sie bereits in rund 50 Kommunen, jedoch befinden sich die AktivistInnen dort inzwischen in Gefahr. Für ihre herausragenden Verdienste im Bereich der Aufarbeitung des kommunistischen Unrechts wurde die Initiative im Jahr 2018 von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit dem Karl-Wilhelm-Fricke-Preis ausgezeichnet. In Deutschland können Anträge für die Anbringung einer solchen Erinnerungstafel über den Memorial Deutschland e.V. gestellt werden. Mit der 15. Gedenktafel hat Frankfurt nun einen dauerhaften Ort der Erinnerung an Horst Kampioni – einen Ort, der mahnt, das vergangene Unrecht nicht zu vergessen.

Die Webseite www.donskoje1950-53.de hält auch für Horst Kampioni – wie so viele andere – mehr Hintergrundinformationen bereit.

Fotos: Sebastian Sachse, UOKG