29. Jan. Nachgerufen: Zum Tod von Stefan Lauter
von Christian Sachse
Mitte Januar 2026 verstarb unser Freund Stefan Lauter. Als Mitstreiter über mehr als drei Jahrzehnte gegen die Verharmlosung des SED-Unrechts in Heimen und Jugendstrafanstalten war Stefan Lauter ein lebender Beweis dafür, dass es auch misslingen konnte, aus einem rebellischen Jugendlichen mit Zwang und Gewalt doch noch eine „sozialistische Persönlichkeit“ zu formen. Doch der Preis für den Sieg über diese menschenverachtenden Praktiken war hoch. Stefan hat ihn bezahlt und hat so den ehemaligen Insassen von Jugendwerkhöfen den Weg in die Rehabilitierung und die schmale „Opferpension“ eröffnet.
Stefan verfügte über eine fast unglaubliche persönliche Präsenz, die ihn zum gefragten Partner in den Medien, auf der Bühne und in Zeitzeugenveranstaltungen machte. Wer sich im Gespräch mit ihm von seinen Augen einfangen ließ, hatte schon verloren. Er musste zuhören, bis Stefan Lauter das zu Ende gebracht hatte, was er vortragen wollte. Bereits seine Gesichtszüge und sein Outfit stellten den Streiter in den Vordergrund. Zu jeder Tageszeit war er zum Nachweis bereit, dass der Jugendwerkhof Freital, die Disziplinierungsanstalt Torgau und das Jugendhaus Halle („Frohe Zukunft“) ihn nicht hatten brechen können. Den Preis für diese Haltung – bis in schwere psychosomatische Folgen hinein – hat er bezahlt. Sein früher Tod dürfte damit in Zusammenhang stehen.
Weniger auf veröffentlichten Fotos als auf Schnappschüssen, die nebenbei entstanden, zeigt sich ein anderer Stefan Lauter, der Stefan, der er hätte werden können, wenn nicht die brutalen und unverhältnismäßigen Eingriffe des Staates in sein werdendes Leben ein anderes Gesicht erzeugt hätten. Sie erinnern mich an das einzige mir bekannte Jugendfoto, das Stefan als etwas verträumten Jugendlichen präsentiert, der er nach eigenem Bekunden zunächst auch war. Die Spuren eines Kampfes in seinem Gesicht, zunächst in der DDR um die eigene Integrität, später in Gremien, Presse und Kunst um die Anerkennung der „Heimkinder“, diese Spuren haben andere gegraben.
Stefan hat aus eigner Entscheidung den Kampf über das Ende der DDR hinaus fortgesetzt. Es mag für Außenstehende schwer verständlich sein, doch den Alltag im Heim vor Schülern zu beschreiben oder in ausführlichen Schreiben vor Gericht zu vertreten, war für ihn jedes Mal eine unglaubliche psychische Belastung. Die eigenen Texte in der Presse wiederzufinden, einen Sieg vor Gericht zu erringen, mag eine beglückende Erfahrung sein. Doch erst wenn man die Drohungen und den Shitstorm im Anschluss im Einzelnen kennt, wird man die Belastungen verstehen, die auf eine solche öffentliche Äußerung hin zu verarbeiten sind. Stefan hat das immer wieder ausgehalten.
Das Leben von Stefan Lauter auf den Punkt zu bringen, ist auch in einem Nachruf nicht möglich. Zu danken ist Grit Poppe, die mit ihrem Roman „Weggesperrt“ dem Albtraum ehemaliger Heimkinder in DDR-Jugendwerkhöfen wie Stefan ein Denkmal gesetzt hat.
Ich hätte nach vielen persönlichen Gesprächen dem jungen Stefan, wie er mir auf einem Foto von vielleicht 1980 gegenüber tritt, eine andere Zukunft gewünscht, eine Zukunft, die seinem Talent, Dinge plastisch darzustellen und „über die Rampe zu bringen“ natürlicher und gemäßer geworden wäre. Aus ihm wäre in einem freien Land mit Sicherheit ein guter Schauspieler, ein Politiker oder Schriftsteller geworden. Er hat vielen anderen Betroffenen vorgelebt, dass man auch aus einer zerstörten Zukunft ein lebenswertes Leben machen kann. Dafür danken wir ihm!
Foto: Stefan Lauter 1985/2015. facebook
