Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.
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Kleiner Bild-Rückblick auf die Diskussionen im Berliner Rathaus.
Symposium „Künstler im Widerspruch
zur SED-Diktatur“
Schirmherrschaft: REINER KUNZE und ERICH LOESTSamstag, 23. Juni 2007 bis Sonntag, 24. Juni 2007
im Roten Rathaus, Berlin-Mitte
(Eingang Jüdenstraße, Raum 338, S-Bahn Alexanderplatz)Es nahmen teil viele ehemalige Künstler und Dissidenten aus der DDR, wie z.B.:
Prof. INES GEIPEL, Prof. HANS-HENDRIK GRIMMLING, JÜRGEN K. HULTENREICH,
UWE KOLBE, STEPHAN KRAWCZYK, DR. BOMBERG,
ULRICH SCHACHT, HELGA SCHUBERT, UTZ RACHOWSKI, JOACHIM WALTHERZum Symposium "Künstler im Widerspruch zur SED-Diktatur"
Dr. Detlef Gojowy:
Gogols Geist im Roten Rathaus
Als Europa in Jalta und Teheran in zwei Einflusssphären zerteilt wurde, etwa entlang der Linie Lübeck-Triest, bedeutete das auch ein Zerreißen in Sphären der Wahrnehmung, deren Erfahrungen beidseitig nicht mehr kompatibel wurden: auf der einen, westlichen Seite der Aufbruch in nie gekannte, inzwischen auch nicht mehr verachtete Freiheiten einer Gesellschaft, die von Erinnerungen an Gegenteiliges möglichst nichts mehr wissen wollte und will. Auf der anderen Seite der selbstverständliche Fortbestand leibeigenschaftlicher Untertänigkeiten unbeschadet eines auch dort theoretisch verkündeten Antifaschismus, dem Menschenrechte als „Ausdruck des jeweiligen Charakters der Produktionsverhältnisse…“ galten, wie die SED in ihrem „Kleinen politischen Wörterbuch“ noch 1986 wissen ließ, und riskante Versuche ihrer Abschüttelung.
„Künstler im Widerspruch zur SED-Diktatur“ war das Thema eines Kongresses, den die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) im Berliner Roten Rathaus veranstaltete – zu den literarischen, aber auch bildnerischen, filmischen und musikalischen Zeugnissen dieser Realitätsteilung. Im Begrüßungswort des Vorsitzenden Horst Schüler, wegen dessen Erkrankung verlesen von Lothar Scholz, erinnerte dieser an seinen Workuta-Kameraden und Brecht-Meisterschüler Horst Bienek, der in Potsdam seine 25 Jahre für allzu wörtliches Demokratieverständnis bekam.
Joachim Walther, Grünheide, und Ines Geipel, Berlin, sprachen zu neuen Erkenntnissen ihres langjährigen, in einer Ausstellung mehrfach vorgestellten Arbeitsprojekt „Die verschwiegene Bibliothek“ bislang inoffizieller DDR-Literatur, oft im Gefängnis entstanden oder für die man ins Gefängnis kam, besonderes wenn man jung an Jahren und im Westen nicht bekannt war, konnte „Hetze in Versform“ ein Straftatbestand sein.
Zu ihren Entdeckungen, nun veröffentlicht in der Edition Büchergilde, gehört die seinerzeit in Erfurt inhaftierte Gabriele Stötzer (Utrecht und Erfurt), die an ihren Erfahrungen spezifisch weibliche Formen des Erlebens und Erduldens schilderte. Als besonderer Staatsfeind galt dem Regime der völlig aus DDR-Milieu erwachsene Jürgen Fuchs, dessen Schicksal Udo Scheer (Stadtroda) verfolgte – die Umstände seines frühen Todes bleiben ungeklärt.
Ein halboffizielles „Piratenstück“ war der im Messebereich 1984 von bildenden Künstlern selbstfinanzierte „1., Leipziger Herbstsalon“, legte Doris Liebermann; Berlin, dar, denn das Ministerium wusste nichts, und ein zweiter konnte darum nicht stattfinden, doch die Leipziger Maler sind heute ein weltweiter Begriff. Hans-Hendrik Grimmling als Beteiligter entwickelte dazu sein „Nachdenken über Mattheuer und Der Maler am Fluss“. Bei Gert Neumann, Berlin, ging es in seiner mehr hermetischen als hermeneutischen Prosa um den Traum als literarisches Urerlebnis des Künstlers gegen feststehende Betrachtungsweisen.
Eine Diskussion mit Helga Schubert, Berlin, die sich oft wunderte, nicht verfolgt worden zu sein, aber die Stasi irrte sich auch manchmal, Gabriele Stötzer. Gert Neumann und Ulrich Schacht (Förslöv/Schweden, derzeit Stadtschreiber zu Dresden) hatte unter Moderation von Siegmar Faust die „Kollektivierung der Persönlichkeit“ im Blick – sie geschehe, so Schacht, weniger spektakulär auch in der „freien Gesellschaft“. Was hier an Verdrehungen möglich bleibt, belegte Hans-Joachim Föller (Meiningen) an selbsterfahrenem Beispiel als Journalist., und der Beitrag von Ralf-Günter Krolkiewicz, Bredow, „Fauliger Dunst durchzieht die vorordnete Stille“ nahm dann die Uniformität zeitgenössischer „kritischer Texte“ ins Visier.
„Freche Lieder, verbotene Texte und unbequeme Erinnerungen“ bot aus Leipziger Kabarettraditionen in Wort und Musik Heinz Martin Benecke. Utz Rachowski, Reichenbach/Vogtland, hat unter dem Stichwort „Unversöhnte Provinz“ bedenkenswerte Beobachtungen aus seiner Stasibeauftragten-Tätigkeit mitzuteilen. Der Sonntagvormittag wurde zur großen Stunde satirischer und melancholischer Prosa. Ulrich Schachts „Verrat. Die Welt hat sich gedreht“ beschreibt in staubtrockener Nüchternheit den Tag eines Gefangenen vor seiner unvorhergesehenen Entlassung (und traf sich darin mit den spontan geäußerten Erfahrungen anderer Anwesender): wie im Funktionieren des Systems jede Menschenwürde auf alltäglichste Weise abhanden kommt.
Der Geist Gogols schien über das Rote Rathaus gekommen, als Jürgen Hultenreich, Berlin, in seinem Roman „Westausgang“ eine Vernehmung durch einen zivilen Ermittler im VP-Revier Kreibelstraße entwickelt. Nicht nur die Welt des Vernommenen, sondern auch die Gedanken der Vernehmer sind so skurril, dass sich niemand über den Märchenschluss wundert, wie die Katze des Vernommenen das Verhör durch einen Telefonanruf beendet. Nur: dass die Kreibelstraße eben kein Märchen war, daran erinnern sich gerade in Ostberlin Viele.
NACH OBEN
Weniger Gogol als Osip Mandelstam und Daniil Charms boten mit ihrer Lyrik und skurrilen Dramatik Ideen und Anstöße für russische Protestlyriker, an denen wiederum der Liedermacher Stephan Krawczyk, ausgerüstet mit Maultrommel, Zupfinstrumenten und Bandoneon, deutlich Maß genommen hat – durchsetzt auch von gesprochenen Kurzszenen etwa über nun zu Westgeld gekommene Sachsen, die in Prag „die Sau rauslassen“. Solches Feuerwerk setzte den vergnüglichen Schlusspunkt eines sonst eher bedrückenden Symposions.
Der Berichterstatter lieferte einen Beitrag zur Neuen Musik in der DDR und ihren Komponisten. Geplant und moderiert hat die Veranstaltung Siegmar Faust, Heidenau, jetzt Reichenberg/Unterfranken, der als junger Dichter 33 Monate für seine Texte in DDR-Zuchthäusern zubrachte und nach seinem Freikauf durch die Bundesrepublik einen Großteil seiner Arbeit den in der DDR unterdrückten und vergessenen Autorenkollegen widmete. Dr. Detlef Gojowy