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DER
STACHELDRAHT
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FÜR
FREIHEIT, RECHT UND DEMOKRATIE
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| DER STACHELDRAHT | AUSGABE 7/2009 | Oktober 2009 | |||
| Schlomann / Odenthal | Nordkorea - Neues aus einem verschlossenen Land | |||
| Rainer Wagner, UOKG e.V. | Freiheiten für die Feinde der Freiheit | |||
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Die Wahlen der letzten Monate haben gezeigt, daß die umbenannte SED, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, wieder an den Schaltstellen der Macht angekommen ist. So glücklich wir über die errungene Freiheit sind, so bitter stößt uns die Wiederauferstehung der Ulbricht-Honecker-Partei auf. In den neuen Bundesländern sind die Erben des Stalinismus zweitstärkste politische Kraft, und auch im Westen entwickelt sich Die Linke zum parlamentarischen Zünglein an der Waage.
Auch wenn es uns noch so sehr befremdet, wir müssen der Realität ins Auge sehen: Viele Menschen erkennen in den Postkommunisten nicht mehr die Repräsentanten der Mauermörder und des mitteldeutschen GULag-Systems.
Ihre Funktionäre gelten nicht einmal mehr als Schmuddelkinder, mit denen man sich nicht an einen Tisch setzt. In vielen Parlamenten sind sie als gleichwertige Partner akzeptiert. Zahlreichen Wählern erscheinen die populistisch agierenden Demagogen als edle Rächer der sozial Entrechteten. Dabei wird allzu schnell vergessen, daß diese Genossen, als sie das Machtmonopol zwischen Ostsee und Erzgebirge besaßen, permanent Zehntausende Andersdenkende hinter Zuchthausmauern sperrten und die gesamte Gesellschaft so einschüchterten, daß nur wenige wagten, ein offenes Wort zu sprechen. Man sieht ihnen auch nach, daß sie den Staat in den Bankrott führten. Und offenbar auch, daß sie dort, wo sie heute mitregieren, wie z.B. in Berlin, die sozialen Leistungen des Staates radikaler zurückschneiden, als dies in traditionell konservativen Bundesländern denkbar wäre. Man übersieht, daß sich in ihren Reihen frühere Stasi-Generäle und ehemalige „furchtbare Juristen“ wie der stellvertretende Generalstaatsanwalt der DDR, Hans Bauer, über die kommunistische Plattform großen Einfluß gesichert haben.War es das, wofür viele von uns in Straflagern und hinter Zuchthausmauern die beste Zeit ihres Lebens, Gesundheit und Lebensperspektive opferten? War es das, wofür vor 20 Jahren die Menschen auf die Straße gingen? Sicher nicht! Es waren Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wo diese herrschen, haben aber auch Extremisten große Spielräume. Oft wünscht man sie sich verboten oder mundtot gemacht. Aber gerade der Umgang mit den Feinden der Demokratie unterscheidet unsere Gesellschaft grundlegend vom DDR-Sozialismus. Für die SED war politische Freiheit ein Fremdwort. So schwer es auszuhalten ist: Es gehört zum Wesen freiheitlicher Demokratie, daß auch frühere SED-Kader und Stasi-Mitarbeiter ihre Verklärung der DDR, ihre Lügen und Propaganda unter die Leute bringen dürfen. Wir müssen selbst solche Kommunisten ertragen, die sich die Errichtung einer neuen Staatssicherheit wünschen. Allerdings haben wir auch den Auftrag, den Wert der vor 20 Jahren für Gesamtdeutschland erkämpften freiheitlichen Demokratie nachdrücklich zu vermitteln.
Repression und Ausmerzung Andersdenkender gehören zu totalitären Systemen. Die „Diktatur des Proletariats“ hat eine ebenso unmenschliche Geisteshaltung offenbart wie der nationalsozialistische Terror. Beiden gemeinsam waren Weltverbesserungsideologien, noch heute ideologische Basis der Linkspartei. Mag sein, daß es dort auch Mitglieder gibt, die es ernst meinen mit der Demokratie. Offensichtlich ist aber, daß diese Partei vor allem als Sammelbecken gescheiterter Träumer, orientierungsloser Linksbewegter und Altstalinisten dient.
Wir Opfer und Widerständler des kommunistischen Unrechtsregimes stoßen uns an vielen Unzulänglichkeiten des Rechtsstaates. Daß unsere einstigen Peiniger von den Wohltaten der Marktwirtschaft und der Versorgung des Sozialstaates meist mehr profitieren als wir, macht uns zornig. Dennoch ist der demokratische Rechtsstaat, der so leicht von seinen Feinden mißbraucht und von Schmarotzern ausgenutzt werden kann, tausendmal wertvoller als alle Modelle, die uns linke und rechte Demagogen anbieten können.Demokratie ist Freiheit! Mit unserer Erfahrung haben wir die Möglichkeit, die Gegner der Freiheit bloßzustellen. Damit helfen wir, die Stolpersteine auf der Straße der Demokratie zur Seite zu räumen.
DOKUMENTIERT
Schuld und Erinnerung
von Martin-Michael Passauer
Aus der Ansprache zur Einweihung des Hochkreuzes in Sachsenhausen am 19. September 2009
Erinnerung heißt das Wort der Stunde. Wir erinnern. An diesem Ort und hier auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers steht es auf Schritt und Tritt, wie mit unsichtbarer Hand geschrieben:
Du Mensch, erinnere Dich.
Du Mensch, der Du jetzt und heute lebst, erinnere Dich. [...]Wir erinnern an das uns heute unvorstellbare und unfaßbare Leid, das Menschen Menschen angetan haben. Gottseidank sind diese Geschehnisse Geschichte. Und wir erinnern durch Gedenkorte, Gedenkveranstaltungen und Gedenksymbole wie das Hochkreuz, das fortan hier steht und Zeugnis gibt, an diese Geschichte. Aber viele der hier heute Anwesenden bezeugen durch ihr Leben, daß diese Geschichte hier aus lauter einzelnen Geschichten besteht. Erst dadurch wird sie lebendig und anschaulich. Und sie treffen sich regelmäßig, damit auch durch ihre Geschichten unsere Geschichte lebendig bleibt. Dafür danken wir Ihnen allen sehr. Und wir geben gleichsam die Bitte und den Auftrag an Sie weiter, nicht aufzuhören, uns, den Nachgeboren ihre Geschichten, die Geschichten dieses Ortes zu erzählen. Wir wissen, daß eine überzeugende Gedenkstättenkultur – und das können wir hier in Sachsenhausen erleben – die Erinnerung wachhält. Denn zur Gedächtniskultur in unserem Land gehört vor allem die Gedenkstättenarbeit. Aber diese Orte brauchen auch die lebendige Stimme, das Zeugnis, das gesprochene Wort, das wieder und wieder Erzählen und Wiederholen von Versagen, von Verbrechen und Sünde. Das, was Menschen hier auch an diesem Ort angerichtet haben, wird verharmlost, wenn es verschwiegen oder verdrängt wird, wenn es für nachfolgende Generationen nicht mehr das Licht der Welt erblickt.
Von Israel, dem von Gott auserwählten Volk lernen wir, daß das Geheimnis der Erlösung die Erinnerung ist. Wie ein roter Faden zieht sich durch die ganze Hebräische Bibel, das Alte Testament, dieser Ruf: Gedenket an diesen Tag, an dem Euch Gott aus Ägyptenland herausgeführt hat..., Gedenke des Sabbattages, daß Du ihn heiligst..., Gedenke des ganzen Weges, den Dich der Herr Dein Gott geleitet hat... Und dann folgt die Aufzählung, was auf diesem Weg des Volkes Gottes alles geschehen ist. Israel, dieser Augapfel Gottes, wie es in der Bibel genannt wurde, dieses geschundene und verschmähte, dieses verfolgte und grausam vernichtete Volk, hätte auch mit den wenigen, die den Holocaust und den Stalinterror überstanden haben, nicht überlebt, hätten sie diese Kraft der Erinnerung nicht. [...]Wir lesen in unserer Bibel, daß auch Israel in seiner langen Geschichte in den Augen Gottes versagt hat. Das hat es nicht verschwiegen und offen erzählt. Es hat sich nicht gescheut, es auszusprechen.
Und auch wir als Kirche haben – davon erzählt auch dieser Ort – Schuld auf uns geladen. Durch Äußerungen, die Propst Heinrich Grüber und Bischof Otto Dibelius nach den Weihnachtsgottesdiensten 1949 in Internierungslagern, auch in Sachsenhausen, öffentlich getätigt haben, sind viele, viele Menschen verletzt worden. Sie fühlten sich von ihrer Kirche in Leid und Schmerz nicht ernstgenommen und haben ihr den Rücken gekehrt, indem sie ausgetreten sind.
Denn dieses Lager war kein Arbeitslager. Die Häftlinge litten unter der erzwungenen Untätigkeit, unter ständigem Hunger, Kälte, Ungeziefer und medizinisch nicht behandelten Folgeerkrankungen. Sie starben zu Tausenden und wurden in Massengräber geworfen und verscharrt. Von den in den Jahren 1945 bis 1950 etwa 60 000 Inhaftierten starben etwa 12 000 Häftlinge an Unterernährung, Krankheiten, psychischer und physischer Entkräftung. Und das haben die Vertreter der Kirche nicht laut genug in die Öffentlichkeit hinausgeschrien, den Machthabern ins Gesicht gesagt oder der Presse in die Feder diktiert. Heute, nach 60 Jahren, errichten wir hier ein Hochkreuz. Ein Zeichen der Versöhnung. Gott bereitet durch den Tod seines Sohnes Jesus Christus die Arme aus und ruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Und nur, weil es dieses Symbol seit 2000 Jahren gibt, und wir als nachfolgende Generation uns immer und immer wieder unter dieses Kreuz stellen, kann ich im Namen unserer ganzen Kirche diese Schuld öffentlich benennen und um Vergebung bitten. Ich bitte im Namen meiner ganzen Kirche und für diese Kirche um das Vergeben. Und mit der Bitte um Vergebung sage ich zu, alles dafür zu tun, daß das Geschehene nicht vergessen wird.Wir bitten als Evangelische Kirche Berlin Brandenburg, zu der auch Heinrich Grüber und Otto Dibelius gehören, alle diejenigen, die noch heute darunter leiden, um Versöhnung, und versprechen gleichzeitig, dieses Versagen nicht zu vergessen. Denn auch heute ist die Gefahr groß, daß wir Gewalt und Krieg und Vernichtung und Hungersnot und Elend klein reden.
Auch in unserer Erinnerungsarbeit heute nach 20 Jahren friedlicher Revolution sehen wir die Gefahr, daß Unrecht nachträglich zum Recht umgedeutet oder zum kleinen Ausrutscher erklärt wird. Dem müssen wir uns widersetzen. Deshalb sind diese Orte als Mahnmale wichtig und die Arbeitsgemeinschaft Sachsenhausen 1945-1950 e.V. als lebendige Erinnerung von unschätzbarem Wert. Gebe es Gott, daß Sie alle noch möglichst lange und viel und vieles erzählen können. Amen.
(Martin-Michael Passauer ist Generalsuperintendent i.R.)
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DER STACHELDRAHT Redaktion: Sybille Ploog
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