DER STACHELDRAHT
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DER STACHELDRAHT AUSGABE 6/2009 | September 2009
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- lepl - Medaillen-Maschinen - Doping in der DDR und die Folgen
   
Florian Kresse, Jurist, UOKG e.V. Keine pauschale Entschädigung für DDR-Heimkinder
   
     

 

Medaillen-Maschinen:

Doping in der DDR -
Nebenwirkungen und Folgen

 

 

Gedopt wird seit Jahrhunderten und fast überall auf der Welt. Meist geschieht das in Eigenverantwortung der Sportler und Trainer, die sich also individuell für ein verbotenes leistungssteigerndes Mittel entscheiden. In der DDR hingegen war der Sport ein ausgesprochenes Politikum, dessen Bedeutung in dem Maße zunahm, wie das Land nach internationaler Anerkennung strebte. Und so wurde auch dieser Bereich unter nahezu vollständige staatliche Kontrolle gebracht. Ab 1974 galt der „Staatsplan 1425“ zum flächendeckenden Doping von Leistungssportlern, überwacht von der MfS-Abteilung XX/3.

Oral-Turinabol“ hieß die Wunderwaffe – ein anaboles Steroid in Form kleiner blauer Pillen, unter staatlicher Anleitung hergestellt von der Firma VEB Jenapharm. Das Mittel sorgte für schnelleres Muskelwachstum und ermöglichte längere Trainingsphasen. In Sportarten, in denen Minderjährige Weltklasseleistungen erzielen können, wurden schon 13- und 14-Jährige damit versorgt, in der Leichtathletik, im Kanu- und Rudersport und in einigen Wintersportarten begann das Doping erst bei 16- und 17-Jährigen. Teilweise wurde an noch Jüngeren experimentiert. Im Mädchenturnen z.B. sollten Wachstumshemmer die Sportlerinnen besonders klein, grazil und damit beweglich halten. Zu den dauerhaften Folgeschäden zählen u.a. extremer Körperhaarwuchs, Veränderungen im Genitalbereich, Fruchtbarkeitsstörungen, tiefere Stimmlage - besonders bei Mädchen, Stoffwechselstörungen, erhöhtes Krebsrisiko, Leber- und Herzschäden. Die offizielle Sprachregelung schrieb den verharmlosenden Begriff „unterstützende Mittel“ vor.

Um die Planerfüllung, d.h. möglichst viele internationale Medaillen, zu gewährleisten, wurde erst gar nicht von einer Zustimmung der Betroffenen ausgegangen. Die Trainer verabreichten den Jüngeren die Mittel als „Vitaminpillen“, den Älteren in der Regel als unschädliche „unterstützende Mittel“. Auch die Eltern wurden nicht aufgeklärt.

„IMV ‚Rolf’ berichtete zum anderen über die Sektionsärztin Schwimmen des SC DHfK Engelhardt. Die E. hatte sich schon im November 1975 bei Dr. Fleischer SHB versucht wegen der Verabreichung von Anabolika an minderjährige Schwimmer des Clubs „Rückenfreiheit“ zu holen. Sie wisse nicht, was sie machen solle, wen Elternteile sie daraufhin ansprechen und habe in gewissem Sinne Angst, daß ihr etwas passieren könnte. Ohne den zuständigen Verbandsarzt Dr. Kipke zu informieren, ist sie deshalb mit Dr. Fleischer am 5.12.75 zur Dr. Höppner nach Berlin gefahren, um sich zu beraten über die Richtigkeit dieser von der Ärztekommission u. der Leistungssportkommission beschlossenen Maßnahme. Sie wurde dort nochmals auf ihre Schweigepflicht hingewiesen u. mit der einheitlichen Argumentation vertraut gemacht.

- Sportler unter 18 Jahren bekommen grundsätzlich Vitaminspritzen, auch wenn von den Eltern das Gegenteil behauptet wird.
- Sportlern über 18 Jahren wird erklärt, daß sie leistungsfördernde unterstützende Mittel erhalten die nicht schädlich sind. Zur Begründung wird außerdem erklärt, daß alle westlichen Sportkreise ebenso arbeiten und wir, wenn wir darauf verzichten, benachteiligt sind.

Alle diese ausgesuchten Sportler sind durch die Trainer schriftlich zum Schweigen verpflichtet. Wenn dennoch Elternteile sich erkundigen wollen, so wird darauf verwiesen, daß alle medizinischen Fragen mit dem Sportler selbst beraten und geklärt wurden, weil es sich ja um Erwachsene handelt. In allen anderen Sportarten wird ebenso verfahren.
“ (Quelle Dokument: Werner Franke)

In einem Interview für Welt-Online am 7. September 2009 sagte die Schriftstellerin und ehemalige DDR-Leistungssportlerin Ines Geipel: „Es fing schon sehr früh ziemlich breit an mit den männlichen Sexualhormonen. Die ersten Texte in den medizinischen Zeitungen der DDR über Spätfolgen gab es ab Mitte der Fünfziger. Da wußte man schon Bescheid über schwere Organschäden und Sterilisierung von Frauen. Und ich hab Dopingunterlagen gesehen von achtjährigen Schwimmern. Achtjährigen!“

Ines Geipel gehört auch zu den Mitgliedern des Doping-Opfer-Hilfe Vereins, der sich seit 1999 für DDR-Dopingopfer einsetzt und durch Aufklärung über körperliche Langzeitschäden versucht, im Jugend- und Breitensport der Einnahme von Dopingmitteln vorzubeugen. Diese beiden Aufgabenfelder brachten den Verein bereits mehrfach auf Konfrontationskurs zur Weichspül- und Persilschein-Taktik ehemaliger DDR-Trainer und Sportärzte, die heute im bundesdeutschen Leistungssport tätig sind. So erhob er Einspruch, als sechs belastete Trainer kürzlich mit einem Brief ihre Anstellung retten wollten (und offenbar auch konnten), nachdem sie 20 Jahre lang jede Doping-Beteiligung abgestritten hatten: „Wir waren im Einzelfall am Einsatz unterstützender pharmazeutischer Substanzen (Dopingmittel) beteiligt. … Bei einer Weigerung, diese Mittel weiterzugeben, hätten uns der Ausschluß aus dem Leistungssport und damit erhebliche berufliche Nachteile gedroht… Soweit die Sportler durch den Einsatz von Dopingmitteln gesundheitliche Schäden davongetragen haben sollten, sind wir tief betroffen und bedauern dies sehr.“ Der Verein Doping-Opfer-Hilfe war es auch, der im August dieses Jahres bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften vor dem Olympiastadion in Berlin 20 000 Doping-Schutzbrillen mit der Aufschrift „Ich will das nicht sehen!“ verteilte. Diskus-Weltmeister Robert Harting fühlte sich daraufhin zu dem Satz provoziert: „Wenn der Diskus aufkommt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben – damit sie wirklich nichts mehr sehen.“ Harting hatte sich zuvor bereits öffentlich für die Freigabe von Dopingmitteln ausgesprochen. Sein Trainer ist Werner Goldmann, der nach Aktenlage tief ins DDR-Staatsdoping verstrickt sein soll.

In diesem Jahr verlieh der Doping-Opfer-Hilfe Verein in Berlin zum sechsten Mal die Heidi-Krieger-Medaille, europaweit der einzige Preis für engagiertes Wirken gegen Doping im Spitzensport. Dopingopfer Andreas Krieger hat dafür jene Goldmedaille gespendet, die er vor seiner geschlechtsangleichenden Operation als Kugelstoßerin Heidi Krieger bei den Europameisterschaften 1986 gewann. Am 20. August ging die Anerkennung zu gleichen Teilen an vier ehemalige Trainer, die sich den unterschiedlichen Dopingsystemen in Deutschland verweigert hatten – zwei aus dem Westen, zwei aus dem Osten.

In seiner Begrüßung kündigte der Vorsitzende des Vereins, Dr. Klaus Zöllig, die Einrichtung eines Doping-Archivs in Weinheim an, das öffentlich zugänglich sein soll. Dort werde die nach Umfang und Vollständigkeit wahrscheinlich einzigartige Dokumentensammlung des Zellbiologen und Doping-Kritikers Prof. Dr. Werner Franke zur Nutzung aufbereitet. Sicherheitskopien befänden sich derzeit in Texas und Berlin. Franke hielt dann auch die Laudatio. Und während ein paar Kilometer weiter Zehntausende den Heroen der Leichtathletik zujubelten, entwarf er ein restlos desillusionierendes Bild des deutschen Spitzensports. Es sei „für einen Naturwissenschaftler unerträglich, wie die Bevölkerung beschissen wird, mit Wissen aller Beteiligten“. Über die Preisträger sagte er: „Sie hatten nur ihre Menschlichkeit, die Courage zu widerstehen.“

Zu ihnen gehörte Hansjörg Kofink, Bundestrainer der Frauen im Kugelstoßen, der 1972 vom Deutschen Leichtathletik-Verband aufgestellte Olympianormen ablehnte, die sich am Ostblock orientierten. Diese Leistungen zu erbringen sei „ohne Anabolika undenkbar“. Er behielt recht und wurde vom Verband ausgebootet. Zu ihnen gehörte auch Horst Klehr, Apotheker und Gründungsmitglied der ersten Dopingkommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der in den 70er und 80er Jahren gewaltig bei den Sportfunktionären aneckte, weil er die Doping-Bekämpfung ernstnahm. Auch ihn stellte man schließlich kalt. Mit Henner Misersky, dem ehemaligen Skilanglauf-Trainer beim SC Motor Zella-Mehlis, wurde eine der rühmlichen Ausnahmen des DDR-Sports geehrt. Er hatte sich 1985 geweigert, den jugendlichen Langläufern „unterstützende Mittel“ zu geben.

Dies hätte auch seine Tochter Antje betroffen, die später noch Biathlon-Olympiasiegerin wurde. Misersky verlor seine Trainer-Stelle und mußte den Verein verlassen. Das Tragische daran: Vater und Tochter waren bisher überzeugt, damals der Doping-Praxis entkommen zu sein. Kürzlich belegte nun ein Aktenfund bei der BStU, daß Antje Misersky bereits 1984 ohne ihr Wissen und ohne Wissen ihres Vaters und Trainers Oral-Turinabol verabreicht bekommen hatte. Fast einer Sensation kommt es gleich, daß der Fall der vierten Preisträgerin überhaupt bekannt wurde. Die DDR-Rudertrainerin Johanna Sperling hatte 1963 die Sportlerinnen eines Vierers ausgebildet, durfte ihre Mädchen dann aber nicht mehr ins Trainingslager der Nationalmannschaft und zu Wettkämpfen nach Moskau begleiten. Deshalb schrieb sie ihnen aus Leipzig einen Brief, den eine der Ruderinnen zufällig bis heute aufbewahrte. Ein vergleichbares historisches Dokument, das den frühen Widerstand gegen Doping belegt, gibt es bisher wohl nicht:


„Johanna Sperling an die ‚Sperlinge’ Leipzig 1963

Meine lieben ‚Mädchen’!
Als letzten Gruß vor der Reise nach Moskau will ich euch noch ein paar Zeilen schicken. […] Noch eins: Ich bitte euch ganz ernsthaft, kein, aber auch kein einziges Mittelchen zu schlucken, das eure Leistung angeblich steigert; und wenn es als noch so harmloses, als vollkommen unschädlich, aber wunderwirkend euch gepriesen wird; auch wenn man euch sagt, daß ihr dann die einzigen seid, die nichts zu sich nehmen, bitte weist es zurück. Seid stolz darauf und denkt an die kommenden Wettkampfjahre und denkt an eure Gesundheit. An der eigenen Willensstärke erleidet ihr keinen Schaden, und davon habt ihr genügend zur Verfügung. Ich könnte euch Beispiele nennen, welche Auswirkungen solche Mittel der Wettkampfvorbereitung hatten – jetzt würde das zu weit führen, glaubt mir nur so viel, daß es nie gut ist. Und wenn es nur das Schamgefühl wäre, das sich eurer nach einem erfolgreichen Rennen bemächtigen würde – ihr könntet euch nicht ehrlich eines Sieges freuen.“

Johanna Sperling durfte bald nur noch Nachwuchssportler ausbilden und glaubte zunächst, die Rückstufung läge an ihrer mangelnden Leistung. Unter den neuen Betreuern trainierten die Mädchen weniger und gewannen mehr Medaillen. Doch diese Trainer, sagt sie rückblickend, haben sich mehr „bei der Pharmaindustrie aufgehalten als beim Training“.


Literaturhinweise:

Grit Hartmann: Goldkinder. Die DDR im Spiegel ihres Spitzensports.
Forum Verlag Leipzig 1998, 352 S., 20,35 € (mehr)

Giselher Spitzer: Wunden und Verwundungen. Sportler als Opfer des DDR-Dopingsystems. Sportverlag Strauß 2007, 600 S., 28,80 € (mehr)

Klaus Latzel, Lutz Niethammer (Hg.): Hormone und Hochleistung. Doping in Ost und West. Böhlau Verlag Köln 2008, 265 S., 29,90 €

Klaus Latzel: Staatsdoping. Der VEB Jenapharm im Sportsystem der DDR. Verlag Böhlau Köln 2009, 312 S., 34,90 €

Brigitte Behrendonk: Doping. Von der Forschung zum Betrug. Nur antiquarisch.

Hans-Joachim Seppelt, Holger Stück: Anklage: Kinderdoping. Das Erbe des DDR-Sports. Nur antiquarisch

Ines Geipel: Doping. Verlorene Spiele. Nur antiquarisch.

 

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