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Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.
Initiativgruppe NKWD-Lager Tost/Oberschlesien
Das NKWD-Lager Tost (Toszek), Oberschlesien (Polen)
Artikel vom Mai 2006:
Gedenkfahrt zum NKWD-Lager Tost/Oberschlesien
Was schulden wir unseren Vätern?
Von Sybille KrägelGedenkfahrt 2006 zum Lager Tost/Obeschlesien 1945 – heute poln. Toszek
WAS SCHULDEN WIR UNSEREN VÄTERN? Lautete die Überschrift zu Leserbriefen im HAMBURGER ABENDBLATT am 21. April 1990 – die wiederum Reaktion auf einen großen Artikel vom 6. April waren. Darin beschrieb die Journalistin Lola Poulakos das Schicksal ihrer Familie und ihres Vaters, der im September 1945 von vier Sowjet-Soldaten mit Pferd und Leiterwagen von zu Hause in Zarnekow/Mecklenburg abgeholt wurde. Wertsachen wurden gleich mit abtransportiert. Der Vater kam nicht wieder. Er war Zeitungsverleger in Demmin gewesen. Erst nach Jahrzehnten erfuhr die Familie, dass er 1950 im Zuchthaus Waldheim gestorben war.Dieser Artikel hatte mich sehr angerührt, und einer der veröffentlichten Leserbriefe stammte von mir. Hierdurch kam ein erster Kontakt zustande zu einer Familie in Roßwein/Sachsen, deren Vater total entkräftet und fast schon tot Ende 1945 aus Tost zurückkam. Er wurde ohnmächtig in einem Eisenbahnwaggon in der Nähe gefunden. Seiner Tochter berichtete er flüsternd von den Grausamkeiten im Lager, bevor er starb. Er hatte meinen Vater dort getroffen und wusste, dass er nicht mehr lebte. Mein Vater stammte aus dem Nachbarort Hainichen. Der Artikel und der Kontakt nach Sachsen gab den Anlaß zu meiner langjährigen Recherche, während der ich über 4.550 Personendaten von Gefangenen „zusammenpuzzelte“ und unzählige Berichte über die Haft sammelte. Sogar noch in diesem Jahr kontaktierten mich Angehörige, die bis dato nichts genaues über den Verbleib ihrer Väter oder Großväter wussten. In allen fünf Fällen konnte ich Auskunft geben.
Auch in diesem Jahr fand in Tost am 20. Mai an unserer Gedenkstätte eine würdige Trauerfeier für die mehr als 3.000 Verstorbenen statt mit Unterstützung des DEUTSCHEN FREUNDSCHAFTSKREISES Tost e.V. und Pfarrer Werner Szygula, der erstmals darüber sprach, dass auch sein Vater im Januar 1945, als die Rote Armee in Schlesien einrückte, durch Verhaftung verlor. Das Städtchen, bis zu dem Zeitpunkt vom Kriegsgeschehen verschont geblieben, wurde sehr verwüstet – viele Menschen wahllos und willkürlich verhaftet und vermutlich gleich in Richtung Osten transportiert. Eine Frau aus Tost erzählte mir, dass ihr Vater nicht lange danach in Karaganda/Kasachstan gestorben war. Zu unser aller Verwunderung war am blumengeschmückten Gedenkstein eine canadische Flagge angebracht. – Ein ehemaliger Freiberger, der schon lange in Canada lebt, war überraschenderweise angereist und hatte für seinen umgekommenen Vater die Flagge plaziert, die zunächst zu einiger Verwirrung Anlaß gab. Aus Deutschland waren 50 Angehörige angereist. Wir hatten einen schönen, wenn auch emotional nicht ganz einfachen Tag erlebt. Ein Raum des ehemaligen NKWD-Lagers (sowjetischer Geheimdienst) – heute wieder Psychiatrie – sowie das Gelände konnten wir besichtigen.
Ein damals mit 15 Jahren verhafteter Jugendlicher aus Beuthen/Oberschlesien, der insgesamt fünf Jahre in sowjetischen Lagern verbringen musste, gab den Angereisten Auskunft über das harte Lagerleben. – Wir hatten interessante Begegnungen und Gespräche mit Mitgliedern des DEUTSCHEN FREUNDSCHAFTSKREISES, ohne deren aktiver Mithilfe eine solche Veranstaltung nicht gelingen würde.Sehr beeindruckend war die wunderschöne Stimme der Toster Sabine Olbrich, die in der herrlichen Barbara-Kapelle u.a. das AVE MARIA vortrug. Eine Überraschung hatte man uns noch bereitet mit dem deutsch-polnisch gemischten Chor, der an der Gedenkstätte einige zu herzenden gehende Choräle vortrug. – Vor der Abfahrt nach Haus hatten wir abends sogar noch etwas Zeit, um die ehemalige Burg der Familie Eichendorff zu besichtigen – ein touristisches Highlight, das sogar schon Johann Wolfgang von Goethe im September 1790 aufsuchte. Vor der Fahrt nach Tost hatte ich zwei sehr schöne Tage in Hainichen verbracht. Ich habe Menschen getroffen, die in meines Vaters Firma FRAMO – später BARKAS – gearbeitet und ihn gekannt hatten. Ein Hainicher Freund – Günther Neumann – hatte diese Kontakte hergestellt; auch unserem ehemaligen Haus und dem Bürgermeister konnte ich einen Besuch abstatten. – Leider sind im Hainicher Stadtarchiv keine personenbezogenen Akten aus der Zeit während und kurz nach Kriegsende mehr vorhanden. Vermutlich gingen diese bei der Besetzung des Rathauses durch die Rote Armee bei Kriegsende verloren. Ich hätte so gern die Akte meines Vater eingesehen. Schade, da fehlt ein Stück Leben – das erst wieder mit seinem Abtransport vom Gefängnis Döbeln nach Bautzen am 14.6.1945 bis zu seinem Tod in Tost am 23.9.1945 dokumentiert ist.
Artikel vom 29. Januar 2005:
Ihr Leid wird nie ganz aufgearbeitet werdenÜber den Versuch, das Schicksal der NKWD-Lager-Insassen in Tost zu klären
Von Sybille KrägelBereits im Januar 1945 war für Schlesien der Zweite Weltkrieg zu Ende. Am 23. Januar fiel die sowjetische Armee - 1. Ukrainische Front unter Marschall Konjew - in Tost bei Gleiwitz ein und zerstörte teilweise das bis dahin vom Krieg verschonte Städtchen durch Brandschatzung. Die Toster hatten versäumt, die Alkoholbestände der Brauerei und der Schnapsfabrik zu entsorgen. Dies erledigten schnell und gründlich Angehörige der Roten Armee.
In Tost gab es auch eine gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtete psychiatrische Klinik, in der während des Krieges etwa 700 ausländische Offiziere und etwa 250 Juden interniert waren. Im Frühjahr 1945 wurde die Psychiatrie vom NKWD in ein Gefängnis / Lager umfunktioniert ohne die Möglichkeit, Musik zu betreiben, ohne Besuche und Pakete des schwedischen Roten Kreuzes, ohne Ausflüge zum Schwimmen wie zuvor. Im Mai / Juni1945 zogen Hunderte willkürlich verhaftete zuvor gefolterte Oberschlesier ein, die noch Paketreste vom schwedischen Roten kreuz vorfanden. Kurz darauf kamen einige LKW-Ladungen mit weiteren Elendsgestalten hinzu, die nach dem Fall der Festung Breslau Anfang Mai zunächst in die Lager von Kletschkau und Hundsfeld gesteckt wurden.
Im November 1945 wurde das Lager aufgelöst. Etwa 800 "lebende Leichen wurden entlassen.
Mein Vater Hans-Werner Rasmussen aus Hainichen / Sachsen gehörte zu den 3654 Sachsen, Brandenburgern, Sachsen-Anhaltinern und Sudetendeutschen, die im Mai / Juni 1945 in ihren Heimatorten von der Straße weg verhaftet und vom überfüllten Zuchthaus Bautzen auch Gelbes Elend genannt in drei Viehwaggontransporten im Laufe des Sommers nach Tost verlegt wurden. Dort wurden nun über 4500 Menschen in einem Gebäudekomplex, der seinerzeit für 500 Kranke ausgelegt war, zusammengepfercht.
Mein Vater wurde als Besitzer einer Fabrik verhaftet, wie ich 1994 aus den Transportlisten erfuhr. Das hat ihn das Leben gekostet Vater ließ eine unversorgte Frau mit fünf kleinen Kindern zurück. Wir wurden sofort aus dem Haus geworfen. Alles, was wir Ende 1945 erfuhren, war, daß der Vater im September bereits im Lager gestorben war. Er gehörte zu den über 3000 von etwa 4560 Verhafteten, die auf ganz elendige Weise innerhalb von sechs Monaten umkamen: an Ruhr, Rose, Herzinsuffizienz, Verletzungen bei der Zwangsarbeit oder Misshandlungen durch die Wachleute, Hunger, miserabler Hygiene und einfach Erschöpfung. Eine ungeheuerliche Todesrate von 66 Prozent.
Gleich mach der Wende begann ich, ich, dem Schicksal meines Vaters nachzuspüren. In Tost wurde bereits 1991 mit Hilfe der noch ansässigen Deutschen, die in Deutschen Freundschaftskreisen e. V. zusammengeschlossen sind, ein Kreuz am Rande der Massengräber aufgestellt. Es erinnert an unglaubliche Schicksale: Gefangene, die auf den umliegenden Domänen die Ernte einbringen mussten, wurden gezwungen, Kartoffeln aus der Furche mit dem Mund zu sammeln - mit einem Stiefel im Nacken oder mit der bloßen Hand Disteln auszureißen, Korngarben auf ausgestreckten Armen ins Lager tragen, mit der Axt gefällte Baumstämme ins Lager zu schleppen; Kohlen aus abgesoffenen Oderkähnen zu bergen. Das alles bei Wassersuppe und anstrengenden Fußmärschen zu Kilometer entfernten Arbeitsplätzen.
Im November 1945 wurde das Lager aufgelöst. Etwa 800 lebende Leichen wurden entlassen. Sie wurden mit wenig Verpflegung auf die Straße gestellt und mußten sehen, wie sie nach Hause kamen. Viele fielen gleich vor dem Tor um und wurden von mitleidigen Tostern unter Lebensgefahr nach Hause mitgenommen. Eine große Zahl wird es nicht geschafft haben, nach Hause zu kommen. Und niemand wird erfahren, wo sie liegengeblieben sind. Manche wurden zu Hause zunächst vor den Kindern versteckt, bis sie wieder einigermaßen menschlich aussahen. Geredet haben die wenigsten der Männer über ihre Erlebnisse.
Wer noch gehfähig war, ging Ende November auf Transport nach Graudenz / Westpreußen. Die Gefangenen wußten immer noch nicht, was ihnen vorgeworfen wurde. Der Aufenthalt in Graudenz währte nur etwa vier Wochen, dann ging es weiter ins Lager Fünfeichen bei Neubrandenburg. Dieses wurde 1948 aufgelöst, was für manche Häftlinge allerdings nur eine weitere Haft im Speziallager Buchenwald bedeutete. Das wurde wiederum Anfang 1950 aufgelöst, wonach immer noch über 3.400 Häftlinge der Volkspolizei zur weiteren Verhaftung und Verurteilung übergeben. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste keiner der Häftlinge, warum er verhaftet worden war und warum er nun schon mehr als vier Jahre in schrecklichen NKWD-Lagern zubringen musste. Dies wurde den Betroffenen im Frühjahr 1950 im Zuchthaus Waldheim erklärt, wo die gefürchteten Prozesse stattfanden. Die Urteile waren konstruiert und standen bereits vor Prozeßbeginn fest.
Noch während meines ersten Besuches in Tost faßte ich den Entschluß, die Geschichte des Lagers aufzuarbeiten. Bislang hatte sich niemand darum gekümmert, kein Suchdienst, kein Historiker, kein Journalist an die ich mich nach der Wende wandte, in der Hoffnung etwas über das Lager, das zwischenzeitlich in der Republik Polen lag, zu erfahren. In meiner Datei befinden sich nunmehr mehr als 4.560 Daten von Häftlingen - ich habe unzählige Berichte archiviert, habe die russischen Transportlisten Bautzen-Tost zurückübersetzt und konnte damit auch noch im Jahr 2004 sechs Angehörigen von dort Verstorbenen wenigstens die Gewißheit geben, wo der Vater, der Großvater umgekommen ist.