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Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.
Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V.
Sowjetische
Lager in Deutschland
von Jan Lipinsky MA, Historiker, Bonn
1. 1945: Lagereinrichtung in Deutschland
2. Zum Begriff „Sowjetisches Speziallager"
3. Das Lagersystem in Deutschland
4. Wozu nutzten die Kommunisten Speziallager in Deutschland?
5. Wer zählt zu den Opfern der Speziallager?
6. Wie sah der Alltag in den Speziallagern aus?
7. Warum wurden die Speziallager aufgelöst?
8. Was geschah mit den Opfern der Speziallager?
1)
1945: Lagereinrichtung in Deutschland
1945 kapitulierte Deutschland bedingungslos. Die Alliierten beendeten durch
den Sieg ihrer Waffen den nationalsozialistischen Terror von Hitlers Diktatur.
Als direkte Kriegsfolge richteten alle Besatzungsmächte in Deutschland Lager
ein. Gemeinsame alliierte Beschlüsse lieferten dafür allerdings nur äußerlich
und rein formal die gemeinsame Grundlage. Teilweise wurden Direktiven und
Gesetze des Alliierten Kontrollrats erst verabschiedet, als die Lager bereits
bestanden Doch vor allem wurden die alliierten Vorgaben völlig verschieden
ausgelegt, angewendet und umgesetzt.
US-Amerikaner, Briten und Franzosen überprüften die insgesamt rund 220.000 verhafteten Deutschen zügig, meist binnen eines Jahres nach der Verhaftung. Sie bemühten sich um demokratische Umerziehung. Sie ließen zumal die unter Werwolf-Verdacht festgesetzten Jugendlichen rasch wieder frei. Verurteilte Personen kamen in geregelten Vollzug. Seit 1946 wurde kaum noch verhaftet. Ende 1946 waren noch rund 100.000 Deutsche, 1949 nur noch einige hundert in Haft Insassen der westlichen Internierungslager standen großenteils schon seit 1945, auf jeden Fall seit 1946 in Kontakt zu ihren Familien Kirchliche Seelsorge war spätestens seit 1946 möglich. Todesfälle in den Lagern gab es seit 1946 so gut wie keine mehr, zuvor summierten sie sich auf einige hundert Menschen.
In den Sowjetischen Speziallagern sah die Nachkriegsrealität dagegen völlig anders aus. Denn Stalin ersetzte in seiner Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die nationalsozialistische Diktatur durch die kommunistische.
Willkürherrschaft, Terror und Diktatur bestanden in der SBZ nach dem 8./9. Mai 1945 fort. Moskauer Akten zufolge wurden zwischen 1945 und 1950 fast 158 000 Personen, darunter über 122.500 Deutsche, in sowjetische Lager eingeliefert. Über 43.000 Deutsche, also mehr als ein Drittel, verstarben. In Sachsenhausen, dem größten Lager, kam es dabei in den schlimmsten Monaten des Winters 1946/47 zu durchschnittlich 705 Toten im Monat oder 23 pro Tag. In den drei 1949/1950 noch bestehenden sowjetischen Lagern Buchenwald, Bautzen und Sachsenhausen verstarben selbst vier Jahre nach Kriegsende noch weit über 1000 Personen.
All diese Opfer stehen jeweils für das Leid einer ganzen Familie. Im Jahr 1945 Verschleppte blieben bis 1950 (Juristisch gesehen auch darüber hinaus) ohne individuelle Schuldprüfung, ohne Umerziehungsbemühungen in Haft. Sowjetische Akten bezeichnen sie als Spezialkontingent. Zu ihnen stießen, vermehrt seit 1946, Verurteilte ("Osuzdennye") Sowjetischer Militärtribunale (SMT). Zu über 50% waren die Deutschen unter ihnen nach dem extrem weit auslegbaren Artikel 58, die Sowjetbürger etwa zu 1/3 wegen "Vaterlandsverrat" abgeurteilt worden.
Sogar 1949 lieferte der NKWD (Narodnyj Komissariat Wnutrennich Del (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten; später MWD, KGB), nochmals rund 1500 Personen in Lager ein. Überwiegend handelte es sich um SMTer, die nach Bautzen oder Sachsenhausen gelangten. Selbst noch in den fünfziger Jahren arbeiteten DDR- Stasi und sowjetischer KGB bei Verhaftung und anschließender Deportation Hand in Hand.
Insgesamt wurden in Stalins Lagern auf deutschem Boden, vier Jahre nach Kriegsende, noch rund 29.700 Deutsche gefangengehalten. Unter ihnen ging die geheimdienstliche Überprüfung weiter Die Verhöre blieben brutal Jeglicher Kontakt zu den Familien war verboten. Erst 1948 erhielten die Lagerinsassen Zugang zu sowjetzonalen Zeitungen. Findige Angehörige nutzten diesen passiven Kontakt zur Außenwelt und setzten z.B in die "Nationalzeitung" Grüße, die sie als Familienanzeigen tarnten. Schon im Jahr darauf wurde deshalb die Anzeigenannahme verboten.
Im Frühjahr 1949 durften Verurteilte erstmals auf standardisiertem Weg schreiben, doch blieb diese Kontaktaufnahme dem nichtverurteilten sogenannten Spezialkontingent verwehrt. Aus dem sibirischen Lager Workuta, in das auch Häftlinge aus den Speziallagern deportiert wurden, durfte gar erst Ende 1953 erstmals nach Deutschland geschrieben werden 1954 waren erste Pakete von Angehörigen, dem DRK oder den Kirchen erlaubt Erst 1955 kehrten diese Zwangsarbeiter heim.
Kirchliche Seelsorge in den sowjetischen Lagern in Deutschland war lange Zeit völlig verboten Die sowjetische Lagerleitung erlaubte beispielsweise in Buchenwald erst zu Ostern 1949 einen Gottesdienst durch ebenfalls gefangene Geistliche. Zu Weihnachten 1949 durften dann dort und in Sachsenhausen das erste und einzige Mal Kirchenvertreter aus der Freiheit Gottesdienst feiern. Die sowjetische Lagerhaft unterschied sich somit radikal von der westlichen Internierung.
Die sowjetischen Hafteinrichtungen werden deshalb in klarer Abgrenzung von den westlichen Internierungslagern als Speziallager bezeichnet. Diese Speziallager sind anders als die westalliierten Internierungslager keine alleinige Folge des siegreichen Krieges gegen Hitler. Sie sind nicht primär eine Rachemaßnahme gegen "Faschisten". Sie sind vielmehr untrennbarer Bestandteil der kommunistischen Diktatur und nur formal eine Maßnahme der gesamtalliierten Internierung.
Die Speziallager waren Teil des sowjetischen Lagersystems, das mit der Etablierung der Bolscheviki nach der Oktoberrevolution 1917 einherging. Die Liquidierung politischer, sozialer und nationaler angeblicher Gegner hatte in der UdSSR schon lange vor Hitlers Machtergreifung, nämlich etwa seit 1920, Tradition.
Die quellenmäßig belegten Gemeinsamkeiten der Speziallager mit dem System des GULag (Glavnoe upravienie lagerej, Lagerhauptverwaltung) sind offensichtlich: Einlieferung nach brutalen Verhören und oftmals ohne Gerichtsurteil; lebensbedrohlicher, ja lebensvernichtender Mangel an Verpflegung, an Hygiene und an Gesundheitsfürsorge; alltägliche und allgegenwärtige Schikanen; bewußt hingenommenes Massensterben; strenge Durchsetzung der Totalisolation von der Außenwelt; häufige Verlegungen und Deportationen.
Durchgehend deportierten die Lager aus Deutschland beispielsweise neben Spezialisten und Arbeitsfähigen auch Kriegsgefangene, verurteilte Sowjetsoldaten, Angehörige der WIassow-Armee, Rußlanddeutsche und durch Spezialeinheiten aufgegriffene "Weiße Emigranten", die nach 1917 vor den Bolscheviki aus Rußland geflohen waren. Der maßgebliche Unterschied zum GULag bestand in dem bis 1949 fast durchweg in den Lagern auf deutschem Boden geltenden Arbeitsverbot, in dem von oben verordneten Zwang zum lebenszerstörenden Nichtstun. Anders als in den menschenleeren Weiten der Sowjetunion war in der SBZ/DDR keine Zwangsarbeit fern von jeglicher Zivilisation möglich.
2)
Zum Begriff „Sowjetisches Speziallager"
Wie sollen die Sowjetischen Lager in Deutschland, die von 1945 bis 1950 bestanden,
bezeichnet werden?
Der Begriff "Konzentrationslager" ist durch die deutsche Geschichte einseitig belastet und steht für die Lager Hitlers Vom Wort her sagt er eigentlich nicht viel aus. Was ist Konzentration? Erst die inhaltliche Füllung durch Historiker, durch Akten und Erinnerung verleiht ihm das Grauen, das er heute beinhaltet. Wer ihn auch für die Lager Stalins verwendet. kann sich zwar auf die direkte Nachkriegszeit berufen. Aber damals war zum einen der sowjetische, in den Akten überlieferte Begriff noch unbekannt und zum zweiten setzte die Bezeichnung schon damals Lagersysteme gleich, die zwar vergleichbar, aber nicht identisch sind. Als wissenschaftlich eindeutige Bezeichnung ist er deshalb für die Benennung der sowjetischen Lager in Deutschland nach 1945 abzulehnen.
Der Begriff „Speziallager" klingt auf den ersten Blick ebenfalls nichtssagend. Auch seine neutrale Lautung muß durch konsequenten Gebrauch im Zusammenhang mit der menschenverachtenden sowjetischen Lagerrealität inhaltlich eindeutig gefüllt werden. Er gibt genau den sowjetischen, in den Akten verwendeten Begriff "Special'nyj lager" wieder. Er grenzt klar Stalins Lager von Hitlers Lagern ab. Er setzt die Speziallager in Deutschland in deutlichem Bezug zum GULag, der diesen Begriff ebenfalls kennt.
Der Begriff "Sonderlager" übersetzt dagegen nicht nur den von den Sowjets selbst benutzten Begriff, sondern birgt auch eine verfälschende Komponente. Denn er läßt vermuten, daß es sich entweder um besondere Lager handelt, was vor dem Hintergrund des sowjetischen GULag nur sehr begrenzt richtig ist, oder daß darin besondere (in der aktuellen Gedenkstättendiskussion zu lesen als besonders aktive, also schuldbeladene Nationalsozialisten) festgesetzt worden seien, was den Tatsachen widerspricht.
Begriffe, wie „Isolations-, Schweige-, Hunger-"Sterbe-, Todes- oder Vernichtungslager" benennen entweder nur ein charakteristisches Merkmal der Speziallager oder sie behaupten eine unbewiesene Tatsache. Zweifellos war ein Hauptzweck der Speziallager die vollständige Isolation Tatsächlich war das „Spezialkontingent" bis zur Auflösung der Lager 1950 zum Schweigen verurteilt. Denn Kontakte zur umwohnenden Bevölkerung oder zu den nicht verhafteten Angehörigen waren verboten. Auch hungerten und verhungerten in den Speziallagern Zigtausende. Jeder Überlebende erinnert sich an den allgegenwärtigen Tod Allerdings läßt sich ein formeller Vernichtungsbefehl bisher nicht nachweisen Rund 45 000 Personen überlebten. Sie wurden entlassen, waren allerdings oftmals schwer und lebenslang gesundheitlich gezeichnet Deshalb ist der Begriff "Vernichtungslager" wissenschaftlich nicht vertretbar, wenngleich das Problem der "Menschenvernichtung" oder in sowjetischer Diktion "Liquidierung" sich dadurch auch im Blick auf die Speziallager nicht erledigt hat
3)
Das Lagersystem in Deutschland
Grob zerfallen die sowjetischen 1945 auf deutschem Boden errichteten Sonderhafteinrichtungen
in Lager (Landsberg, Posen, Bautzen, Berlin-Hohenschönhausen. Buchenwald,
Fünfeichen, Jamlitz/L.ieberose, Ketschendorf/Fürstenwalde, Mühlberg. Sachsenhausen,
Torgau Fort Zinna und SeydIitz-Kaserne,) und Gefängnisse (Graudenz, Tost,
Frankfürt/Oder, Lichtenberg, Strelitz). Zusätzlich zu diesen zentralen Haftplätzen
entstanden in jeder größeren Siedlung NKWD-Kellergefängnisse oder wurden deutsche
Hafteinrichtungen vom NKWD genutzt. Der Geheimdienst warf sein flächendeckendes
Spitzel- und Überwachungsnetz über die SBZ. Die Gefängnisse waren mitunter
eine Vorstufe für die anschließende Lagerhaft. Außerdem dienten sie als Ausgangspunkt
für direkte Deportationen in die UdSSR. Sie ermöglichten generell einen direkteren
Zugriff Operativer Organe des sowjetischen Geheimdienstes.
Zudem bestanden kurzzeitig provisorische Übergangssammelpunkte, wie Weesow und Wansleben am See bei Halle. Viele der späteren Speziallager der SBZ/DDR hatten Vorläufer in den deutschen Ostgebieten. Deren Administration wurde bis Frühjahr 1946 nach Westen verlegt, wo die neuen Standorte oft Verwaltungsnummer und Personal der östlich der Oder gelegenen Einrichtungen übernahmen. Diese Verlegungen bestätigen eine Wandlung in der sowjetischen Deutschlandpolitik. Denn noch im Sommer 1945 wurden Lagerinsassen in großer Anzahl aus dem westlichen Teil des sowjetischen Besatzungsgebietes in die deutschen Ostgebiete verlegt. Erst mit dem Ende des Jahres 1945, also nach der Potsdamer Konferenz, sind die Insassen der nun auf polnisch verwaltetem Gebiet liegenden Lager nach Westen in die Lager auf dem Gebiet der SBZ überführt worden.
Der NKWD nutzte in der SBZ seit dem Sommer 1945 ehemalige Konzentrationslager wie Buchenwald, Jamlitz und Sachsenhausen, ehemalige Kriegsgefangenenlager in Mühlberg und Fünfeichen, Gefängnisse wie Bautzen, Torgau oder das "Lindenhotel" in Potsdam Die 10 sowjetischen Speziallager sowie die wichtigsten Gefängnisse in Deutschland wurden zentral von Moskau aus geführt und überwacht. Stalin wurde über ihre Einrichtung und den Betrieb laufend unterrichtet. Sie standen unter der direkten Befehlsgewalt Berijas, des Moskauer Innenministers. Generaloberst Serov füngierte als hauptverantwortliches Bindeglied zwischen Berlin und Moskau. Er gehörte als Stellvertreter für Fragen der Zivilverwaltung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) an und war zugleich Geheimdienstchef der SBZ. NKWD-Befehle ordneten die Errichtung von Lagern an. regelten deren Auf- und Ausbau, setzten Ernährungsnormen, Personalbestand und dessen Besoldung fest, ordneten Verlegung und Deportationen an.
Für alle Speziallager galt die gleiche Lagerordnung. Die obersten Ziele waren totale Isolation der Insassen und jegliche Verhinderung von Fluchten Dem sowjetischen Wachpersonal war bedingungslos zu gehorchen Es hatte großenteils seine Erfahrungen in den Besserungs-Arbeitslagern gesammelt, wie die dem Moskauer NKVD unterstehenden Zwangsarbeitslager des GULag auf sowjetischem Boden verharmlosend hießen. Eine deutsche Lagerverwaltung fungierte in den Lagern der SBZ oftmals als kameradenschindender Handlanger.
Einzelne Lager übten besondere Funktionen aus. In den ostdeutschen Gebieten versammelten sie in der Regel Gefangene für den Arbeitseinsatz, möglicherweise zur Ausplünderung der Gebiete, ehe Stalin diese unter polnische Verwaltung fallen ließ. Frankfurt/Oder diente bald als Sammelpunkt für Kriegsgefangene und als Ausgangspunkt für die Deportation arbeitsfähiger Deutscher über Brest in die UdSSR. Ketschendorf und später Sachsenhausen wurden ebenfalls zum Scharnier zwischen dem sowjetischen GULag und seinem deutschen Teil. Sie versammelten speziell sowjetische Gefangene bzw. deutsche, von den Westmächten entlassene Wehrmachtsangehörige, zwecks anschließender Deportation.
4)
Wozu nutzten die Kommunisten Speziallager in Deutschland?
Karl Marx behauptete in seinem Revolutionsprogramm den Klassenkampf als Grundtatsache
aller Geschichte. Er machte die Aufhebung jeder Ausbeutung und Unterdrückung
als erreichbares Endziel aus. Eine notwendige Etappe auf diesem Weg war seiner
Meinung nach die Diktatur des Proletariats, die grundlegende Voraussetzung
für den totalitären Herrschaftsanspruch der Kommunisten. Marx und später auch
Lenin machten also deutlich, es gibt Gegner ihrer Ideologie und Kampf gegen
sie. Beide akzeptierten Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele. Der hehre Zweck
sollte auch grausamste Mittel rechtfertigen Staatsterror als Methode der wirtschaftlichen
und sozialen Umwälzung war somit legitim.
Durch diesen Einsatz der Staatsmacht im Dienste einer Politik ständigen Terrors verübten die Kommunisten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie allein definierten, welches Sterben der idealen kommunistischen Gesellschaft nützte. Eine höhere, ihrem Zugriff entzogene Instanz, die jedem Menschen ein nur ihm eigenes Lebensrecht zusprach, erkannten sie nicht an. Die tödliche Repression war dabei keine ungewollte Perversion einer humanen Idee. Sie war und ist vielmehr die zwangsläufige und von Menschen zu verantwortende Folge der Umsetzung einer gottlosen, menschenverachtenden Utopie.
Massenhaftes Sterben in den Speziallagern war keine bedauerliche Ausnahme, kein Versehen oder unbeabsichtigtes Mißgeschick, sondern notwendige, typische und eben dadurch charakteristische Folge kommunistischer Diktatur Sowohl die Regierung in Moskau als auch diejenige in Ostberlin wußte von diesen Opfern Beide nahmen sie in Kauf. Beide wollten sie möglichst verschweigen. Die Speziallager in Deutschland dienten nicht der Bestrafung nationalsozialistischer deutscher Schuld, denn zu entsprechenden Gerichtsurteilen kam es kaum. Statt dessen dienten sie unter dem Mäntelchen gesamtalliierten Vorgehens der Etablierung kommunistischer Diktatur. Sie waren ein notwendiges, terroristisch-repressives Mittel zu deren Begründung, Sicherung und Stabilisierung. Sie schüchterten die Deutschen ein, säuberten die Gesellschaft von sogenannten "feindlichen Elementen", von ehemaligen und gegenwärtigen Gegnern des Sowjetsystems.
Sie ermöglichten und flankierten den Auf- und Ausbau der SED-Herrschaft durch die Schaffung eines Klimas von Angst, Verunsicherung, Opportunismus und Resignation. Sie beschafften zugleich Arbeitskräfte: für die sowjetische Besatzungsmacht in Deutschland sowie Spezialisten und Handarbeiter für die Kohlegruben und Baustellen in der UdSSR. Denn interessanterweise schienen die SMT überwiegend jüngere, noch eher arbeitsfähige Personen wegen primär antisowjetischer Tätigkeit abzuurteilen, um damit die rechtliche Grundlage für die Deportation zu schaffen. Darüber hinaus bereicherte sich die SED an den Opfern. Denn sie wurden in der Regel als "Kriegshetzer und Verbrecher" oder "überführte Nazis" enteignet, so daß ihr Vermögen dem von der Partei beherrschten Staat anheimfiel.
Die Lager bestanden über das Jahr 1948 hinaus, da selbst die Moskauer Führung keinen Zusammenhang zwischen Lagerhaft und Entnazifizierung sah. Auch nach Gründung der DDR setzten sich Verschleppungen und Neueinlieferungen, setzte sich das repressive Haftsystem, bald unter formaler Regie der deutschen Volkspolizei statt der Justizorgane, fort Intern behielten allerdings Moskauer Stellen die Verfügungsgewalt über die in deutsche Hände übergebenen Häftlinge.
Die kommunistische Führung in Moskau, seit 1949 in zunehmendem Ausmaß auch diejenige in Ostberlin, trägt die Verantwortung für die Toten, für das Leiden, für die lebensbedrohliche Konfrontation mit Hunger, Krankheiten und Kälte seit 1945 in den Speziallagern. Sie nahm das anhaltende Sterben in den mangelhaft versorgten Lagern bewußt in Kauf. Sie war sich bewußt, daß damit Unrecht geschah. Mit allen Mitteln versuchte sie deshalb die Zahl der Toten, die Lage der Gräberfelder, den menschenvernichtenden Alltag in den Lagern zu leugnen, zu vertuschen und zu tabuisieren.
5.
Wer zählt zu den Opfern der Speziallager?
Schon 1945 hatte das NKWD 8 Personengruppen festgelegt, die zu verhaften seien.
Die einzelnen Kriterien, wie Spionage, Diversion, Betreiber illegaler Sender
waren dabei extrem auslegbar. Pauschal und im Einzelfall ungeprüft warf der
NKWD 50% bis 70% der von ihm Verschleppten eine N S-Vergangenheit als Haftgrund
vor. Allerdings überwiegen darunter selbst in den sowjetischen Akten mit über
zwei Dritteln pure Parteizugehörigkeit bzw. die im Westen nicht belangten
niederen Funktionen, wie Blockleiter oder Zellenleiter. Eine Funktion sagt
jedoch noch nichts aus über konkret verübte Schuld. Solche versuchten operative
NKWD- Gruppen im nachhinein noch innerhalb der Lager zu ermitteln. Sie griffen
zu brutalen Verhörmethoden und erzwangen mitunter Geständnisse mit zum Teil
abenteuerlichen Vorwürfen. Die sowjetischen Speziallager wurden so mit voller
Absicht zu einem politisch- juristischen, willkürlich anwendbaren Instrument
der Besatzungspolitik. Sie versammelten das auch 1950 noch ohne Gerichtsurteil
gebliebene Spezialkontingent sowie die in Schein- und Schnellprozessen abgeurteilten
SMTer.
Grundsätzlich stammten die Lagerinsassen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen, wobei Arbeiter und Angestellte überwogen. Die nach 1945 Verhafteten gehörten zunehmend bürgerlichen Parteien an. Mit über 90% überwogen Deutsche. Unter den Ausländern dominierten Russen (u.a. Angehörige der Wlassow-Armee, verschleppte Ostarbeiter, sogenannte "weiße" Emigranten). 6-10% der Häftlinge waren Frauen. Die Männer waren zu etwa 45% älter als 45 Jahre bzw. zu jeweils knapp 30% zwischen 35 und 45 Jahren und unter 18 Jahren alt Wegen der hohen Sterblichkeit unter den Älteren und der nach 1945 zunehmenden Verhaftung Jüngerer, nahm die Zahl der Jugendlichen prozentual bis 1950 zu.
6
Wie sah der Alltag in den Speziallagern aus?
Der Lagerhaft ging der Gefängnisaufenthalt voraus In einer kahlen Zelle warteten
dort die Verschleppten tagelang voll Angst und Schrecken auf die meist nächtlichen
Verhöre Nach Folter, Demütigungen und physischer Erschöpfung unterschrieben
sie russischsprachige und für sie unverständliche Geständnisse. Diese Papiere
enthielten die absurden Scheinvorwürfe eines totalitären Systems, das sich
von "Spionen und Klassenfeinden" umgeben wähnte. Auf deren Grundlage wurden
sie von SMTs verurteilt oder ohne Urteil als Spezialkontingent ins Lager eingewiesen.
Dort prägten den Alltag: überfüllte, mangelhaft beheizte Baracken hinter hermetisch verschlossenem Stacheldraht, je morgens und abends langwierige Zählappelle, unzureichende, überwiegend aus klitschigein Brot und Wassersuppe bestehende Mahlzeiten, Filzungen, allseits drohende Spitzel und Bunkerstrafen, Verbot jeglicher Betätigung und jeglicher Kontaktaufnahme zu den Angehörigen, allgegenwärtiges Ungeziefer, das Fehlen selbst primitivster hygienischer Utensilien und Medikamente, ansteckende Krankheiten und qualvolles Dahinsiechen. Besonders die kalten Hungerwinter 1945/46 und 1946/47 forderten in den kaum oder gar nicht beheizten Lagerbaracken tausende Opfer Tuberkulose breitete sich aus und hinterließ mit Dystrophie und weiteren Krankheiten bei den Überlebenden bleibende physische und psychische Schäden.
7.
Warum wurden die Speziallager aufgelöst?
Die hohe Todesrate, die zahlreichen Deportationen sowie nach Etablierung der
kommunistischen Diktatur sinkende Neuverhaftungszahlen machten 1947 die Lager
Ketschendorf, Jamlitz, Torgau/Fort Zinna sowie 1948 Mühlberg, Fünfeichen,
Torgau/SeydIitz- Kaserne überflüssig.
Im Herbst 1949 stand die Gründung der DDR bevor. Aus politpropagandistischen Gründen war der Fortbestand der offiziell und de facto allein von den Sowjets betriebenen Speziallager Bautzen, Buchenwald und Sachsenhausen unerwünscht. Ständige kirchliche, westdeutsche und westalliierte Berichte über diese Lager schadeten dem sowjetzonalen Image. Ein Teil der Verhafteten wurde entlassen. Ein Teil wurde in Waldheim nach Moskauer Vorgaben auf SED-Geheiß abgeurteilt und zusammen mit SMT-Verurteilten in DDR-Gefängnisse überführt. Diese unterstanden formal der Volkspolizei, doch die Häftlinge unterlagen de facto auch weiterhin der Moskauer Verfügungsgewalt.
8.
Was geschah mit den Opfern der Speziallager?
Vor den Augen der laufend informierten Moskauer Führung starb zwischen 1945
und 1950 jeder dritte deutsche Lagerinsasse an körperlicher und geistiger
Auszehrung. Die Toten wurden namenlos nahe der Lager verscharrt. Selbst über
Tatsache, Zeitpunkt und Ort des Todes erhielten die Angehörigen keinerlei
offizielle Nachricht. Das oberste Ziel der Speziallager, die völlige Isolation
ihrer Insassen von der Außenwelt, wurde bis zur letzten Konsequenz umgesetzt.
In den Speziallagern geborene Kinder wurden 1950 bei der Übergabe an deutsche Organe ihren Müttern weggenommen und zu "Kindern der Landesregierung" erklärt. Sie verschwanden in Kinderheimen, soweit nicht Angehörige insgeheim benachrichtigt werden konnten. Die kommunistische Staatspartei SED billigte mit der Übernahme der sowjetischen Gefangenen auf deutschem Boden das politische Unrecht und hieß es gut. Sie übernahm die sowjetische Argumentation, wonach eine Verhaftung schon einer Verurteilung gleichkam Eben deshalb lehnte sie sogar Jugendamnestien nach 1950 strikt ab.
Sie steigerte damit ein pervertiertes Kollektivschuldprinzip bis zum Exzeß. Ihre ideologische Menschenverachtung führte seit 1950 zu lebensbedrohlichen Haftbedingungen in den Strafanstalten Waldheim, 10 Bautzen, Torgau, Hoheneck, Untermaßfeld, Brandenburg und Luckau Proteste gegen unzureichende Verpflegung knüppelte die Volkspolizei brutal nieder. Körperliche Mißhandlungen, unzureichende medizinische Betreuung und katastrophale hygienische Verhältnisse blieben an der Tagesordnung. Zeitweise war selbst der Kontakt zur Familie nicht mehr möglich. Verrat, Bespitzelung und Denunziation wurden inner- und außerhalb der DDR- Haftanstalten weiter gefördert und gefordert.
Die KPD/SED wußte zwar von dem Verschwinden, von dem massenhaften Sterben der Verschleppten. Sie kannte die dadurch bedingten Nöte der Angehörigen. Aber sie half ihnen nicht Auch nach 1950 erführen die Familien in der DDR nicht einmal, ob, wann und wo ihre Angehörigen verstorben waren. Teilweise erst in den neunziger Jahren erhielten sie mit Hilfe des DRK genauere, amtliche Hinweise und damit endlich Gewißheit.
DDR-Behörden
lehnten selbst eine Linderung des Leids durch Todeserklärungen ab. Sie benachteiligten
mitunter die Angehörigen noch zusätzlich: sie wiesen nur schikanöse Berufsarbeiten
zu, verwehrten den Karriere-Aufstieg, verhängten Wohnungsdurchsuchungen, benachteiligten
Kinder in der Ausbildung. Den Entlassenen nahmen Besatzungsmacht und SED jede
Möglichkeit, die Lagerzeit durch Gesprächsaustausch zu verarbeiten, moralische
oder materielle Anerkennung und Wiedergutmachung zu erfahren und dadurch im
weiteren Leben besser zurechtzukommen.
Einziger Ausweg war, soweit
wie möglich, das Lagerkapitel aus der eigenen Biographie zu streichen Letztlich
sind die Speziallager bis heute ein typisches Beispiel für die Haft- und Folterstätten.
ohne die keine Diktatur auskommt.
Die Erinnerung an die Speziallager und deren Opfer ist deshalb nicht nur ein Gebot der politischen Moral und der Kultur. Sie ist ein Gebot der demokratischen Vernunft. Erinnerung wird zur Pflicht, um der Opfer von Willkür und unmenschlichen Lagerbedingungen zu gedenken, um dadurch totalitären Ideologien zu wehren, die zwangsläufig wieder zur Errichtung solcher Lager fahren.
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