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"Lausitzer
Rundschau" Cottbus, Freitag, 08. November 2002
Erinnerung
an Geschichte des Cottbuser Gefängnisses:
Selbstmord hinter Gittern
Von Simone Wendler. Die Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen
und ehemalige politische Gefangene bemühen sich um die Aufarbeitung
der DDR-Geschichte des alten Cottbuser Gefängnisses. Bei einem
Forum im RUNDSCHAU-Verlagshaus diskutierten sie über Möglichkeiten,
die Erinnerung an diese DDR-Haftanstalt für politische Gefangene
zu bewahren.
Das alte Cottbuser
Gefängnis in der Bautzener Straße war bis 1989 neben Bautzen
und Brandenburg/Havel die wichtigste DDR-Haftanstalt für politische
Gefangene. Wegen schlimmer Haftbedingungen und Misshandlungen durch
Wärter war die Anstalt berüchtigt. Seit April steht der
Bau leer, der Abriss droht und damit das Vergessen dessen, was sich
hinter den Mauern abspielte. Ehemalige Häftlinge wollen die Erinnerung
wachhalten.
Ein Nachmittag
im Oktober 1978. Auf dem Cottbuser Gefängnishof übergießt
sich ein 26-Jähriger mit Farbverdünner und zündet sich
an. An den schweren Brandverletzungen stirbt er wenig später.
Wegen versuchter Republikflucht war er zu zwei Jahren und acht Monaten
verurteilt worden. An der Haft war er offensichtlich zerbrochen. Die
Staatssicherheit schirmte seine Beerdigung ab und sorgte dafür,
dass die Nachricht vom Tod des Cottbuser Häftlings erst Monate
später in den Westen gelangte.
Dieses Ereignis
aus der Geschichte der Haftanstalt ist in den noch vorhandenen Stasi-Unterlagen
dokumentiert. Viele andere Geschehnisse existieren dagegen nur noch
in der Erinnerung ehemaliger Insassen. In der Lausitz ist bisher nur
wenig über den Alltag hinter Gittern in Cottbus zu DDR-Zeiten
bekannt. Bis auf einige Strafprozesse gegen ehemalige prügelnde
Wärter wie Roter Terror und Arafat hat die jüngere Geschichte
des 1859 errichteten Gefängnisses in den vergangenen Jahren kaum
eine Rolle gespielt.
Zu DDR-Zeiten
wurden in Cottbus immer mehr Republikflüchtige, Ausreisewillige
und Mitglieder von kirchlichen Friedensgruppen eingesperrt. Für
600 Häftlinge vorgesehen, wurden zeitweise bis zu 1400 Menschen
in diesem Gefängnis zusammengepfercht. Zum Ende der DDR war nur
noch jeder fünfte Cottbuser Häftling kriminell, alle anderen
saßen wegen politischer Delikte ein. Der Cottbuser Knast war
für Tausende letzte Station vor dem Freikauf in den Westen. Seit
April steht das Gebäude leer, irgendwann droht der Abriss.
Dann verschwinden die äußeren Spuren dieses schlimmen Kapitels
Lausitzer Geschichte. Ehemalige politische Inhaftierte wollen ihre
Erinnerungen an Cottbus nicht länger für sich behalten.
Zusammen mit den Landesbeauftragten für Staatssicherheit, die
es in jedem neuen Bundesland und Berlin, außer in Brandenburg
gibt, trafen sie sich zu einem Gesprächsforum bei der RUNDSCHAU.
Sehr emotional und doch sehr sachlich schilderten sie den DDR-Alltag
hinter Gittern. Dabei gab es sogar lobende Worte für einige ehemalige
Aufseher, denn nicht alle prügelten.
Einzelhaft
im Keller
Doch auch von Einzelhaft in feuchten Kellern, brutalen Schlägen,
schlechter Verpflegung und schwerer Arbeit war bei dem Forum die Rede.
Unter den oft sehr gebildeten politischen Gefangenen gab es jedoch
auch großen Zusammenhalt. Siegmar Faust, der von 1974 bis 1976
in Cottbus saß, erzählte, dass er 13 Exemplare einer Zeitung
handschriftlich verfassten konnte, ohne das er verraten wurde.
Wie wenig die
DDR-Geschichte des Gefängnisses in der Bautzener Straße,
aber auch die der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt am Spreeufer
trotz einer Gedenktafel und eines Gedenksteins im Bewusstsein der
Stadt verankert ist, machte Eberhard Fischer deutlich. Er ist Stadtführer
und ehemaliger SED-Genosse.
In einem Gespräch
mit Alfred Ullmann, dem Vorsitzenden der Cottbuser Bezirksgruppe der
Verfolgten des Stalinismus, hatte er vor einiger Zeit erfahren, was
sich im Stasi-Knast abgespielt hatte. "Das hat mich geschaudert,
was ich da gehört habe", sagte er. Seitdem erwähnt
Fischer diesen Teil der Cottbuser Stadtgeschichte bei seinen Rundgängen.
Offene Ohren findet der Stadtführer damit jedoch fast nur bei
Westdeutschen, die Cottbus besuchen.
Vom Gefängnis
nichts bekannt
Alexander Bauersfeld, 1983 für ein halbes Jahr im Cottbuser Stasi-Knast,
dann in der Bautzener Straße eingesperrt, machte kürzlich
bei Cottbus-Information die Probe. Als er vor einigen Monaten dort
nach den beiden früheren Haftanstalten fragte, bekam er zur Antwort:
"Davon ist uns nichts bekannt." Bauersfeld und andere ehemalige
Häftlinge suchen nun gemeinsam nach Wegen, das zu verändern.
Besonders Jugendliche sollten erfahren, wie es damals politischen
Häftlingen in Cottbus erging, so ihr Anliegen. Der Chef des Cottbuser
Stadtmuseums, Steffen Krestin, bot Unterstützung an.
Eine mögliche Ursache für das bisherige Schweigen sieht
Bauersfeld darin, dass viele, die an der Inhaftierung politisch unliebsamer
Menschen mitgewirkt hätten, heute noch in der Region lebten.
Als Beispiel nannte er eine ehemalige Staatsanwältin, die an
vielen politischen Verfahren mitwirkte und heute als Rechtsanwältin
in Cottbus tätig ist.