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Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.
Initiativgruppe Buchenwald
1945 - 1950 e.V.
Gedenkstätte
Buchenwald, Ettersberg bei Weimar
Gerhard Finn:
Vortrag auf dem 14. Buchenwald-Treffen am 18.September 2004
Zweimal Buchenwald
Als der ehemalige französische KZ-Häftling Georges Angelis nach seiner Befreiung Fotos veröffentlichen wollte, die er heimlich im Lager Buchenwald gemacht hatte, stieß er auf weitgehende Interesselosigkeit und Ablehnung. Zu sehr widersprachen seine Bilder den Fotos von den Leichenbergen und den ausgemergelten Häftlingen, die die amerikanischen Truppen bei der Befreiung am 11.April 1945 vorfanden. Angelis, der als Fotograf für die SS-Lagerleitung arbeiten mußte, hatte unter Lebensgefahr heimlich einen kleinen Teil des KZ-Alltags fotografiert, wie dies etwa Jorge Semprun später in seinem Buch Was für ein schöner Sonntag schilderte. Es waren Häftlinge zu sehen, die an einem arbeitsfreien Sonntag über den Appellplatz liefen, die vor den Baracken spazieren gingen, sich unterhielten und sich und das war das unbegreifliche, nicht in das KZ-Bild Passende auf einer Wiese sonnten. Angelis paßte sich an und retuschierte die sich in der Sonne ausruhenden Häftlinge auf diesem Bild weg. Trotzdem konnte er erst 1996 Aufmerksamkeit für seine Fotos finden.
Ich spreche nicht von diesem Vorgang, um die Verbrechen im KZ Buchenwald zu minimalisieren oder das Leiden seiner Häftlinge herunter zu spielen. Dieser wöchentliche freie Tag war immer nur eine kurze Verschnaufpause für die erbarmungslose Straf- und Zwangsarbeit, der die meisten Häftlinge unterworfen waren. Er bot aber und das war das Wichtigste die Kommunikationsmöglichkeiten, die einem großen Teil der Häftlinge seelischen, menschlichen und politischen Kontakt und Beistand ermöglichten, ohne die noch mehr von ihnen die Lagerzeit nicht überlebt hätten.
Nach offiziellen DDR-Angaben starben im KZ Buchenwald in etwas mehr als 8 Jahren von 250.000 durch das Lager gegangenen Insassen 56.545 Menschen. Die Zahlen sind insofern nicht genau anzugeben, weil es in der KZ-Zeit Buchenwalds auch Amnestien und Entlassungen gab und viele Häftlinge, insbesondere ausländische, im Chaos des Kriegsendes nach Buchenwald gebracht und von dort wieder in Todesmärschen zu anderen Lagern getrieben wurden. Sie sind in die Todesopferzahlen einbezogen worden. Prozentual starben in der KZ-Zeit Buchenwalds demnach ca.22 Prozent aller Häftlinge.
In der Nachkriegszeit war Buchenwald als Speziallager der sowjetischen Besatzungsmacht mit weitaus weniger Häftlingen belegt. Nach offiziellen russisch/sowjetischen Angaben und Dokumenten waren im Speziallager Nr.2 in der Zeit von August 1945 bis Januar 1950 28.494 Männer, Frauen und Jugendliche inhaftiert, von den 7.115 umkamen. Auch wenn diese Zahlen wahrscheinlich nicht ganz genau sind, so ergibt sich eine Todesquote von etwa 24 Prozent. Und so erhebt sich doch die Frage, wie haben es die Sowjets in kürzerer Zeit geschafft, etwa die gleiche prozentuale Todesquote zu produzieren, wie die SS, und zwar ohne Massenerschießungen, tödliche Steinbrucharbeiten, medizinische Experimente, Außenkommandos und Todesmärsche.
Dazu müssen die allgemeinen Lebensverhältnisse aus beiden Lagerzeiten verglichen werden. Das wohl wichtigste Moment war, daß die deutschen KZ-Häftlinge nicht von der Außenwelt abgeschnitten waren. Sie standen in Briefwechsel mit ihren Angehörigen und hatten die Möglichkeit, von ihnen Lebensmittel- und Wäschepakete sowie Geld zu empfangen. Bei allen diesen Schilderungen des Alltags des Normal-Häftlings im KZ muß man selbstverständlich bedenken, daß dies nicht für alle, insbesondere ausländische Häftlinge galt und daß alle diese Möglichkeiten wie auch der Zeitungsbezug, Kino- oder Bordellbesuch sowie die Nutzung einer 13.800 Bände umfassenden Bibliothek vom Wachpersonal für Schikanen und Erpressungen ausgenutzt wurden und manchmal nur Privilegierten möglich waren. Die Masse der Häftlinge konnte aber in einer Kantine wenn auch nicht gerade erstklassige Lebensmittel und Rauchwaren kaufen (sogar Leichtbier), um die Hungerrationen der Lagerverpflegung etwas auszugleichen. Zudem gab es einen schwarzen Markt, auf dem vielerlei überlebenswichtige Dinge angeboten wurden, die sich z.B. Häftlinge bei ihren Arbeiten für die SS und bei Außenkommandos beschaffen konnten. Das alles geschah und war möglich durch eine ziemlich große Bewegungsfreiheit innerhalb des Lagers, die das sollte nicht unterschätzt werden ein großes und wichtiges Überlebenselement für einzelne Häftlinge, politische Gruppierungen, kirchliche Kreise und für sportliche und kulturelle Aktivitäten war. Unterstützt wurde dies durch eine relativ unabhängige und gut organisierte innere Lagerverwaltung politischer Häftlinge. Das führte allerdings auch zu Auseinandersetzungen zwischen Einzelnen und Gruppen, die von der SS in Kategorien eingeteilt und von den DDR-Antifaschisten kritiklos weiter benutzt wurden. So zählte und zählt man bis heute die mit einem roten und einem gelben Winkel gezeichnete Gruppe der Juden gesondert von den rotwinkeligen politischen Häftlingen auf. Fast alle Juden wurden nach unbeschreiblichen Drangsalierungen im Herbst 1942 nach Auschwitz abtransportiert.
Jeder der
280.000 Häftlinge Buchenwalds hat dieses Lager anders erlebt. Eine Schilderung
des allgemeinen Alltags im KZ soll und kann natürlich nicht das grauenhafte
Geschehen zwischen 1936 und 1945 verharmlosen. Es ist nur zum Verständnis
und Vergleich aufgeführt, für das, was dann bis 1950 Häftlingsalltag
wurde. Im Gegensatz zur KZ-Zeit gab es für die Speziallagerhäftlinge
überhaupt keine Verbindungen nach draußen, zu den Angehörigen,
(in den ersten Jahren) keine Zeitungen und keinerlei Möglichkeit, die
buchstäblich aus Wassersuppe und Brot bestehende Verpflegung aufzubessern,
sieht man von Unkraut- und Baumrinde-Essen ab. Der Speziallager-Häftling,
der nach Wochen und Monaten aus Gefängnissen und Verliesen der sowjetischen
Geheimpolizei nach brutalsten, primitiven Verhören nach Buchenwald kam,
fand sich zwar wieder in einer nun nicht von Mißhandlungen geprägten
Haft, wohl aber in einer nicht übersehbaren, durch kein Urteil begrenzten
Zeit völliger Isolierung auf unterstem zivilisatorischen Niveau und dem
Gefühl des geradezu hoffnungslosen Ausgeliefertseins.
Allein die Anordnung, kein Papier besitzen zu dürfen, hieß, keine
Briefe, kein Buch und keine Zeitung besitzen oder lesen zu können - und
kein Toilettenpapier zu haben. Es gab keine Zahnbürsten oder einfachste
Hygiene-Artikel. Für die weiblichen Häftlinge war dies besonders
erniedrigend, weil sie natürlich auch keine Vorlagen u.ä. bekamen.
Mit den Verboten des Arbeitens, des Besitzes von sogenannten spitzen Gegenständen,
wie Messer, Scheren und Nähnadeln, dem Befehl, im Winter trotz eisiger
Kälte nur in der meist zerlumpten Unterwäsche schlafen zu dürfen,
dem Vortrags und Spieleverbot (außer Schach) und vielem, vielem
anderen mehr galten dem geistigen und körperlichen Abbau, wenn nicht
Schlimmerem. Die Isolierung der zusammengepferchten Häftlinge jeweils
auf ihre Baracke ließ nur sehr wenig Kommunikation zu anderen Häftlingen
zu, zum Beispiel aus demselben Heimatort. Man kann sich als solcher Nicht-Häftling
wohl kaum vorstellen, wie ein Mensch ohne Kontakte zur Außenwelt, ohne
Arbeit und jeglicher Beschäftigung (und das ist wirklich wörtlich
so gemeint!) zusammen mit immer denselben Menschen auf kleinstem Raum zusammengedrängt
und unter primitivsten Umständen Krankheiten, Ungeziefer und ständigem
Hunger ausgesetzt, ohne jegliche Intimsphäre leben und überleben
konnte.
Das führte zum Sterben von einem Viertel der Häftlinge. In anderen
Lagern war der Prozentsatz noch höher. Der Haß auf den Häftling
reichte bei der sowjetischen Geheimpolizei sogar über den Tod hinaus:
kein Angehöriger wurde von seinem Ableben informiert. Die Bürokratie
der SS hatte in einigen Fällen die Angehörigen ihrer Opfer sogar
telegraphisch informiert; sie gab Effekten und Todesurkunden aus.
Es gibt Professoren, die wichtige Bücher und Artikel über die Speziallager geschrieben haben und noch heute der Meinung sind, daß die Lebensumstände in den Speziallagern und das Reduzieren der Häftlingsgesellschaft keine gezielte Maßnahme, sondern den Nachkriegsumständen und der Gleichgültigkeit der jeweiligen Kommandanten und ihren bürokratischen Verwaltern geschuldet war. Man habe ja in den Archiven keine entsprechenden Befehle gefunden
Lassen Sie mich nach diesem kurzen Vergleich noch auf einen Vergleich derjenigen zurückkommen, die meinen, daß die Nazi-Verbrechen nicht mit denen der Kommunisten verglichen werden dürften. Sie vergleichen die Opferzahlen des Nazi-Regimes in ganz Europa mit den ja nun auch für sie nicht wegzudiskutierenden Verbrechen in der sowjetischen Besatzungszone und der DRR (und nicht etwa mit den kommunistischen Verbrechen in aller Welt), um das Gedenken an die Opfer von 45 Jahren Kommunismus in Deutschland als überzogen und nicht angemessen zu diskreditieren. Das ist aber nicht nur intellektuell unredlich. Die wesentlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten diktatorischer Herrschaftssysteme können nur durch einen redlichen wissenschaftlichen Vergleich deutlich gemacht werden. Die Erweiterung der Europäischen Union nach Osteuropa wird das Thema der kommunistischen Diktatur erneut bzw. verstärkt in die Öffentlichkeit bringen. Erste Ansätze und entsprechend heftige Reaktionen haben sich bereits vor einigen Monaten bei der Auseinandersetzung um die Frage des Völkermordes an den Esten gezeigt.
Es geht nicht um das Höher- oder Niedriger-Bewerten. Was vor Jahren Verharmloser des Kommunismus im sogenannten Historikerstreit unterbinden wollten, wird nun doch wieder zum Grundsatz der historischen Forschung und aller geschichtlichen Erfahrung auch auf diesem Feld: der Vergleich. Das NS-Regime ist in den Jahren nach seinem Zusammenbruch eingehend erforscht worden, das kommunistische Regime noch lange nicht. Die kommunistischen Neu-Demokraten behindern und verschleiern noch immer die Forschung über die Geschichte dieser angeblich letztlich humanen Ideologie und ihrer unmenschlichen Folgen. Der empirische Diktaturenvergleich ist noch eine Aufgabe mindestens einer Historiker-Generation.