Aus der Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald

Aus dem Zeitungsarchiv:
Ehemalige Spitzel und SED-Bonzen in Buchenwald

Von Andreas Möller (Ausgabe Bild,Thüringen vom 6.Februar 1995)

Weimar - Top-Positionen in Buchenwald werden weiter von Spitzeln und SED-Bonzen besetzt. BILD nennt Namen. Noch 2 Monate bis zum 50. Jahrestag: Ein Staatsakt soll an 50000 Opfer des Lagers erinnern - und seine Befreiung durch die III.US-Armee. Die Welt blickt auf Buchenwald. Aber niemand hat den Mut, dort aufzuräumen...Dr. Irmgard Seidel (54) ist bis heute Chefin für "Internationale Beziehungen". Eine Schlüsselposition! Die Stasi vertraute der SED-Fanatikerin noch 1989 total: "Zielstrebig, vorwärtsdrängend, konstruktiv-parteilich."

Dr. Seidel saß in der Zentralen DDR-Fachkommission für Marxismus-Leninismus (ML).
Dr Bodo Ritscher (46) war 7 Jahre "Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit". In Buchenwald soll er heute stalinistische Morde erforschen!
Dr Helmut Rook (41) war ein besonders eifriger Spitzel. Die Stasi bescheinigte ihm "beste Voraussetzungen für eine Leitungsfunktion".
Ottomar Rothmann (73) war Vize-Chef der Gedenkstätte, tritt aber noch in "antifaschistischen" Veranstaltungen auf. Natürlich war er IM.
Friedbert Staar (60) ist Museologe. Seine DDR-Orden trägt er nicht mehr. Stasi-Beurteilung 1982: "Zuverlässig - klarer politischer Standpunkt."
Harry Stein und Ehefrau Sabine (beide 38) sind die Chefs der Wissenschaftlichen Abteilung und des Archivs. Beide haben ML-Diplom, verdanken ihre Karriere nur der SED.

Neue Überprüfungen durch die Die Rosenholz-Dateien?
Von Andreas Förster, 19. März 2004 (Berliner Zeitung)

Die jetzt zugängliche Arbeitskartei der Stasi-Hauptverwaltung A (HVA), allgemein unter der Bezeichnung "Rosenholz" bekannt, wird häufig als der letzte verbliebene Schatz der DDR-Auslandsspionage bezeichnet. Vor allem Journalisten und Geheimdienstexperten erhoffen sich davon einen detaillierteren Einblick in die Struktur des Agentennetzes der HVA.
Die Hüterin des vermeintlichen Schatzes, Behörden-Chefin Marianne Birthler, dämpft hingegen gern die Euphorie und hängt das auf 381 CD-Roms gespeicherte HVA-Material eher tief: Sensationen seien bei der Auswertung von Rosenholz nicht zu erwarten, sagt sie bei jeder Gelegenheit, und überhaupt diene das ganze Material nur als Findhilfsmittel für das noch existente Stasi-Archiv. Die behördliche Strategie des Abwiegelns wurde am Donnerstagabend auf einer Veranstaltung in der Thüringer Landesvertretung jedoch unterlaufen, und dass auch noch aus den eigenen Reihen. Helmut Müller-Enbergs, Wissenschaftler in der Birthler-Behörde und derzeit wohl der beste Kenner von Struktur und Arbeitsweise des früheren DDR-Auslandsgeheimdienstes, nannte das HVA-Material "überraschend detailliert und außerordentlich wertvoll".

Lückenhafte Datei

Dank Rosenholz lasse sich in Verbindung mit anderen in der Behörde vorhandenen Dateien und Unterlagen das Auslandsagentennetz der HVA bis in die fünfziger Jahre zurück weitgehend rekonstruieren, sagte er. Zwar seien nur der geringere Teil der auf den insgesamt 280 000 Karteikarten gespeicherten Personen tatsächlich Inoffizielle Mitarbeiter der HVA gewesen - die Behörde geht von rund 6 000 Westdeutschen und über 20 000 Ostdeutschen aus - , doch ließen sich diese IM in den meisten Fällen eindeutig identifizieren.Müller-Enbergs zweifelt auch nicht daran, dass Rosenholz Rückschlüsse auf zeitgeschichtlich interessante Spionagefälle aus der weiter zurückliegenden deutsch-deutschen Geschichte offenbaren wird. Für den Wissenschaftler, der seit Monaten mit den vom US-Geheimdienst CIA übergebenen Rosenholz-Silberlingen arbeitet, scheint die Arbeitskartei der HVA also wenn schon kein Schatz, so doch wenigstens ein "Schätzchen" zu sein.
Und das, obwohl die in der Behörde vorliegende Rosenholz-Datei unvollständig ist. Für diese Lücken - die aber dank anderer im Stasi-Archiv noch vorhandener HVA-Unterlagen weitestgehend gefüllt werden können - gibt es mehrere Gründe: So hat die CIA nur jene verfilmten Karteikarten aus dem Ur-Material an Berlin übergeben, auf denen deutsche Staatsbürger verzeichnet sind. Der fehlende Restbestand dürfte allerdings nicht sehr umfangreich sein, zumal vielleicht geographische Wissenslücken bei den Amerikanern dazu geführt haben, dass auch österreichische und Schweizer Bürger sich in der Berliner Rosenholz-Version finden.Auffällig ist ebenfalls, dass in dem alphabetisch geordneten System ungewöhnlich wenige Einträge im Buchstabenbereich La- bis Li- vorliegen - der Grund ist unbekannt. Auch sind die Filmkopien einiger Karteikarten von so schlechter Qualität, dass sie nicht mehr entzifferbar sind - das betrifft aber maximal nur 10 000 der insgesamt 280 000 verfilmten Karteikarten.

 

Berliner Zeitung, 20.03.2004