Wochenzeitung "Die Kirche", Berlin-Brandenburg, Sept. 2006
Das Feuerzeichen von Zeitz von Dieter Ziebarth
Die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz leitete das Ende der DDR einVor 30 Jahren verbrannte sich Oskar Brüsewitz aus Protest gegen die atheistische Erziehung junger Menschen in der DDR. Am 18. August 1976 hatte er sich vor der Michaeliskirche in Zeitz mit Benzin übergossen und angezündet. Vier Tage später erlag er in einer Klinik den Folgen seiner schweren Verletzungen. Seit Juli erinnert eine Gedenktafel in Rippicha bei Zeitz, wo er als Pfarrer tätig war, an die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz. Darauf wird er als „Streiter für Christus, Kämpfer gegen Unrecht“ gewürdigt. Dieter Ziebarth, damals Pfarrer in Zeitz, erinnert sich.
Es ist Mittwoch, der 18. August 1976, ein strahlender Sommertag in der Kreisstadt Zeitz in Sachsen-Anhalt. Gegen 10.35 Uhr fährt der 46-jährige Pfarrer Oskar Brüsewitz vor der dortigen Michaeliskirche vor. Er entsteigt seinem Auto im Talar, befestigt auf dem Autodach zwei Plakate mit der Aufschrift „Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen“. Dann übergießt er sich mit Benzin und setzt sich in Brand. „In wenigen Stunden will ich erfahren, soll ich erfahren, dass mein Erlöser lebt!“, hatte er zuvor in seinem Abschiedsbrief an die Pfarrer und Pfarrerinnen des Kirchenkreises geschrieben. Dem lähmenden Entsetzen und der Trauer über einen außergewöhnlichen Pfarrer folgten sehr bald unterschiedliche Versuche, das Geschehen zu erklären, zu bewerten oder es für die eine oder andere politische Position zu vereinnahmen. Allein die Tatsache, dass er sein Leben in aller Öffentlichkeit hingegeben und diese Tat kommentiert hatte, ließ von Anfang an mehr an ein gesellschafts- und kirchenpolitisches Signal als an einen Selbstmord denken. So sahen es auch die Machthaber in der DDR.
Es war für sie eine beispiellose politische Provokation. Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, reihte ihn wie Wolf Biermann, Robert Havemann, Rudolf Bahro und Stefan Heym in die schwarze Liste der großen Staatsfeinde der DDR ein. Die SED verlangte eine Distanzierung der Kirchenleitung. Als diese nicht erfolgte, ließ sie Brüsewitz in einem Schmähartikel des „Neuen Deutschland“ am 31. August 1976 für geistesgestört erklären. SED verlangte Distanzierung Dies führte zu einem Aufschrei der Anständigen, unter denen sich nicht nur Christen und einfache Bürger, sondern auch Sozialisten und Parteigenossen befanden. Als schließlich die Konferenz der Kirchenleitungen in einem „Brief an die Gemeinden“ zu den Vorgängen und den möglichen Hintergründen der Tat öffentlich Stellung bezog, bezeichnete Erich Honecker dies als „einen der größten konterrevolutionären Akte gegen die DDR“ und unterbrach die Staat-Kirche-Gespräche für längere Zeit. Die Wogen schlugen also hoch in jener Zeit. Die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz erwies sich im Nachhinein als erster Akt in einer Kette von Ereignissen, die die Gewaltherrschaft der SED erschütterten und schließlich zu ihrem Untergang beitrugen.
Kantige Mahner
Heute ist dies alles Geschichte und nur wenige erinnern sich noch der Vorgänge jener Tage. Sie sind es aber wert, dass daran erinnert wird. Da ist zunächst die Erinnerung an einen mutigen Pfarrer, der mit einer nur ihm eigenen Kompromisslosigkeit, mit immer neuen Ideen und Aktionen das Evangelium verkündete und stets an der Seite der Unterdrückten – für ihn waren es besonders die Kinder und Jugendlichen – stand und sich selbst zum Protestzeichen gegen Unterdrückung machte. Durch solche Kompromisslosigkeit wird man schnell zum Außenseiter in Kirche und Gesellschaft. Man wird das auch heute, wenn man aus erwarteten Rollen ausbricht, Tabus bricht und Konflikte riskiert. Nicht nur damals wurden solche Außenseiter ausgegrenzt oder nicht ernst genommen. So erging es bereits in biblischen Zeiten den Propheten, an denen sich Oskar Brüsewitz vielleicht ein Beispiel genommen hat.
Wir brauchen sie auch heute, solche kantigen, anstößigen und unbequemen Mahner, die auf Unrecht aufmerksam machen und Zeichen setzen. „Obwohl der scheinbar tiefe Frieden, der auch in die Christenheit eingegangen ist, zukunftsversprechend ist, tobt zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg“, schrieb Oskar Brüsewitz in seinem Abschiedsbrief. Er übte damit Kritik an einer Kirche, die ihm zu unentschlossen, zu sehr diplomatisch agierend einen gesellschaftlichen Frieden herbeizureden schien, den es nach seiner Beobachtung und der vieler anderer so nicht gab. Sind wir noch glaubwürdig, sind wir noch brauchbar? Das waren Fragen, die ihn nicht ruhen ließen. War das nur ein Problem der Kirchen in der DDR-Zeit? Was aber ist mit den ausgewogen formulierten oder parteipolitisch neutralen Stellungnahmen unserer Tage, die keinem weh tun wollen und damit auch nichts bewirken? Am 30. Juni wurde die Wirkungsstätte von Pfarrer Brüsewitz in Rippicha zu einem „Ort der Zivilcourage“ erklärt.
Denn das war er nun ganz unbestritten: ein Vorbild für Zivilcourage in „harter Zeit“ (Wolf Biermann), bereit, sich ohne Schonung seiner selbst für das von ihm Erkannte einzusetzen. Diese Haltung brauchen wir ganz dringend auch heute. Von ihr lebt unsere Demokratie, aber auch die Glaubwürdigkeit einer Kirche, die einen Herrn zu verkündigen hat, der von sich sagt: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen!“ (Lukas 12,49).
Dieter Ziebarth ist Pfarrer in Ruhe in Berlin und arbeitet ehrenamtlich in der Flüchtlingsseelsorge.
Er war zu der Zeit Pfarrer in der Michaeliskirche in Zeitz, als sich Pfarrer Brüsewitz dort verbrannte.