Horst Schüler,
Vorsitzender UOKG
Rede vor dem Brandenburger Tor am 15. Juni 2003
Wenn ich die
gerade erlebten Redner der im Bundestag vertretenen demokratischen
Parteien noch einmal Revue passieren lassen, dann ist es mir unerklärlich,
warum wir - wir Opfer und Verfolgte des kommunistischen Systems noch
so viele Probleme haben. Warum wir noch immer um die von uns seit
langem geforderte Ehrenpension für erlittene Haft kämpfen
müssen, warum es den Tätern materiell besser geht als den
Opfern, warum diese Täter in deutschen Parlamenten und Regierungen
schon wieder deutsche Politik mit bestimmen, warum in den Schulen
kaum etwas über unseren Kampf gegen den kommunistischen Terror
gelehrt wird! Ja, darüber darf man nach diesen Reden sicher lange
nachdenken, oder auch darüber, wie sehr sich doch Reden von Tagen
unterscheiden.
Heute haben wir
uns hier zusammen gefunden, um eines Ereignisses zu gedenken, das
unter den großen Rebellionen im Ostblock die erste, aber
auch die geringste war. So abwertend schrieb eine Fernsehzeitschrift
über den Volksaufstand im Juni 1953. Und einmal mehr zeigt sich
in solcher Formulierung, wie abschätzig manche mit unserer eigenen
Geschichte umgehen.
Nun ja, zum Glück
ist das nur eine journalistische Meinung, die man nicht sehr ernst
nehmen sollte. Denn alle seriösen Historiker sind sich in der
Wertung des Volksaufstandes vom Juni 1953 längst einig, sie decken
sich mit der Meinung des Berliner Historikers Dr. Hubertus Knabe,
wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen.
Der schrieb:
Mit seinen
Forderungen nach Freiheit und Demokratie gehört der Aufstand
vom 17. Juni in die Reihe der großen revolutionären Erhebungen
in Deutschland: Die März-Revolution von 1848, die Novemberrevolution
von 1918 und der Sturz des SED-Regimes im Jahr 1989.
Hinter diesen
Sätzen stehen wir alle, die Widerstand gegen die Terrorherrschaft
der Kommunisten leisteten. Wobei nicht übersehen werden darf,
dass dieser Widerstand ja bereits unmittelbar nach dem Krieg im östlichen,
von der sowjetischen Armee besetzten Teil Deutschlands begann und
er dann in den Volksaufstand 1953 mündete. Wir sind stolz auf
die unzähligen Frauen und Männer, die sich in den Juni-Tagen
1953 gegen ihre Unterdrücker erhoben. Waffenlos! Die sich dann
später beschimpfen lassen mussten,sie seien faschistischen Provokateuren
aus dem Westen gefolgt. Die ihren Widerstand mit Kerker oder Tod bezahlen
mussten.
Und die einer der bekanntesten Dichter der DDR, Kurt Barthel (Kuba
genannt), mit Versen verhöhnte wie:
Schämt
ihr euch so, wie ich mich schäme?
Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern
Und künftig sehr klug handeln müssen,
ehe euch diese Schmach vergessen wird.
Nein, nicht der
geringste Grund, sich zu schämen, dafür tausend und noch
mehr stolz zu sein hatten sie. In einem wenig bekannten Brief des
amerikanischen Präsidenten Eisenhower an Bundeskanzler Adenauer
fand der dafür die richtigen Worte: Große historische
Entwicklungen, wie die letzten antikommunistischen Demonstrationen
in Berlin und in Ostdeutschland sind selten auf eine einzige Ursache
zurückzuführen. Kein Provokateur irgendeiner Staatsangehörigkeit
kann Menschen dazu bewegen, sich gegen anrollende Panzer mit Stöcken
und Steinen zu erheben. So etwas klommt aus dem Herzen und nicht aus
fremden Geldsäcken.
Es waren deutsche
Menschen, die sich als erste im von der Sowjetunion beherrschten Ostblock
auflehnten. Das zeigt: Wir hatten nach den bitteren Erfahrungen, die
wir unter der Herrschaft der Nazi-Verbrecher machen mussten, die richtige
Lehre gezogen. Vor allem junge Menschen waren nicht bereit, ihren
Idealismus erneut von einer brutalen Diktatur missbrauchen zu lassen.
Sie leisteten Gegenwehr, schon lange vor den Juni-Ereignissen 1953
und danach wieder. Aus heutiger Sicht war diese Gegenwehr aussichtslos,
man mag ihn sogar naiv nennen - wie das ja meist so ist, wenn die
Kleinen gegen die Mächtigen kämpfen. Und sie haben teuer
dafür bezahlen müssen. Ihr Widerstand hat sie in die Kerker
und Lager der Kommunisten gebracht. Oder gar vor deren Henker. Doch
all der Schrecken hat die Menschen nicht brechen können. Mag
der Aufstand 1953 auch niedergeschlagen worden sein, er lebte weiter.
Auch ein immer stärker werdender Staatssicherheitsdienst, der
mit seinem Spitzelheer jede freie Meinungsäußerung zu unterdrücken
suchte, konnte ihn nicht brechen.
Unser Volk hat
in seinem Geschichtsbuch so manche Seite, die man nur mit Scham lesen
kann. Doch vergessen wir darüber nicht die anderen Seiten, auf
denen geschrieben steht, wie Frauen und Männer sich gegen politischen
Terror wehrten, wie sie Jahre ihres Lebens dafür opferten oder
gar das Leben selbst.
Lasst uns stolz
darauf sein.
Horst Schüler: Rede vor dem Gedenk-Kreuz zum 17. Juni 1953
in Zehlendorf am 16. Juni 2003
Welche Widersprüche
unsere Gesellschaft überlagern, das wird in diesen Tagen besonders
deutlich. Da hatten wir uns am Sonntag vor dem Brandenburger Tor versammelt,
und die Redner aller im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien
waren sich einig in der Bewertung der Juni-Ereignisse 1953, der wir
ja auch hier gedenken. Ein Volksaufstand war es, keine Frage. Doch
schon am selben Tag widerspricht ihnen Günter Grass. In einem
Zeitungsinterview meint er, man solle doch den Schwindel von
der Volkserhebung nicht wieder aufleben lassen. Und gehen alle
seriösen Historiker von einer Million Teilnehmer in über
700 Städten und Dörfern der DDR aus, so erhebt Grass auch
hier Widerspruch. Höchstens drei- bis vierhunderttausend will
er gezählt haben. Nobelpreisträger wissen es halt besser.
Widersprüche.
Da sind wir stolz auf ein revolutionäres Ereignis vor 50 Jahren,
stolz auf tapfere Frauen und Männer, die sich waffenlos Panzern
entgegenstellten. Doch diesem Stolz steht dann das bittere Ergebnis
einer gerade veröffentlichten Umfrage entgegen, wonach 46 Prozent
der Deutschen nicht wissen, was in den Juni-Tagen 1953 überhaupt
in diesem Land geschah.
Ja, selbst der
Platz, an dem wir uns versammelt haben wird von Widersprüchen
gerahmt. Einerseits braucht man nur ein paar Meter, um zum Wannsee
zu kommen, einem der schönsten Flecken Berlins. Doch nur wenige
Meter sind es auch dorthin, wo Berlin und Deutschland geteilt waren,
wo ein Panzerdenkmal diese gewaltsame Teilung symbolisierte, dem dann
dieses schlichte Kreuz hier von Teilnehmern des Volksaufstandes 1953
gegenüber gestellt wurde, als Zeichen ihres Freiheitswillens
und des von Panzern brutal niedergeschlagenen Freiheitskampfes.
Unzählige
Menschen sind seitdem hier vorbei gekommen, doch nur die wenigsten
werden sich gefragt haben, was dieses Kreuz bedeutet. Ach, die meisten
werden es wohl gar nicht gesehen haben. Denn leider gehen wir in Deutschland
mit unserer Geschichte nicht so um, wie sie es verdient, leider setzen
wir den Kapiteln, derer wir uns wegen ihrer verbrecherischen Inhalte
mit Recht unsagbar schämen müssen - leider übersehen
wir dabei andere Kapitel, auf die wir mit Stolz blicken können.
Die Juni-Tage
1953 gehören dazu. Da kulminierte der Widerstand, der sich ja
schon Jahre zuvor in der sowjetisch besetzten Zone und späteren
DDR gegen die kommunistischen Machthaber und ihre menschenverachtenden
Unterdrückungsmethoden richtete. Alles, was sich an Zorn und
Verzweiflung aufgestaut hatte, brach in einen offenen Aufstand aus.
Denn es war ja nicht (!) die Erhöhung der Arbeitsnorm um 10 Prozent,
die die Menschen auf die Straße trieb, die sie freie Wahlen,
den Rücktritt der Regierung, die Freilassung der politischen
Gefangenen fordern ließ. Das war lediglich der berühmte
Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, es war der Funke,
der den seit langem gärenden Zorn der Bevölkerung zur Explosion
führte. Zorn über eine Diktatur, die an Terror nichts ausließ:
Menschen verschwanden spurlos über Nacht, weil sie sich in Wort
und Tag gegen die kommunistische Ideologie wandten. Ein immer dichter
werdendes Spitzelnetz erstickte jede freie Meinung. Medien schrieben
nur, was die Partei befahl. Willkürlich wurde enteignet. Die
Justiz sah ihre Aufgabe nur und allein in der Stabilisierung und Sicherung
des herrschenden Systems. Dazu wirtschaftliche Not und Mangel. Und
das alles unter den überall hängenden Parolen, die eine
bessere Welt versprachen, einen Sozialismus, der allen das Paradies
schenken würde. Doch Tag für Tag flohen Tausende vor diesen
paradiesischen Zuständen in den Westen Deutschlands,
tauschten sie Hab und Gut gegen Freiheit. Die immer dramatischer werdende
Fluchtbewegung war das deutlichste Zeichen dafür, was die Menschen
von der in ihrer Heimat praktizierten Politik hielten.
Nein, der Aufstand
1953 kam nicht aus heiterem Himmel. Er hatte seine Ursache nicht in
einer Erhöhung der Arbeitsnorm, mag sie auch noch so empörend
gewesen sein. Er war vielmehr Ausdruck dafür, dass die Menschen
nicht länger gewillt waren, sich weiter einer terroristischen
Unterdrückung zu beugen. Sie erhoben sich gegen ihre Herrscher,
sie erhoben sich gegen die Verfechter einer Politik, die Walter Ulbricht
damals mit dem Satz treffend kennzeichnete: Es muss alles demokratisch
aussehen, aber wir müssen alles fest in der Hand haben.
Fest in der Hand
allerdings hatten Ulbricht und seine Gefolgsleute im Juni 1953 nichts
mehr. Vor dem Volk suchten sie letztlich bei der sowjetischen Besatzungsmacht
Schutz. Doch als deren Panzer dann den Aufstand erstickt hatten, da
logen sie die Schmach, vor dem eigenen Volk geflohen zu sein, in das
Märchen vom faschistischen Putsch um. Von Westberlin aus sei
er geschürt worden, über die Staatsgrenze der DDR hinweg.
Ausgerechnet
die Partei, die mit kriminellen Machenschaften ihnen missliebige Menschen
aus Westberlin gewaltsam entführen ließ, die vor keiner
Gewalt gegen die eigenen Bürger zurückschreckte - ausgerechnet
sie klagte jetzt heuchlerisch über eine gegen sie gerichtete
Gewalt, gelenkt angeblich von Westberliner Provokateuren. Etwas anderes
fiel ihr nicht mehr ein, die Peinlichkeit zu erklären, dass ihre
Bürger sich gegen sie erhoben hatten.
In einem Brief
an Bundeskanzler Adenauer hat der damalige amerikanische Präsident
Eisenhower geschrieben: Kein Provokateur irgendeiner Staatsangehörigkeit
kann Menschen dazu bewegen, sich gegen anrollende Panzer mit Stöcken
und Steinen zu erheben. So etwas kommt aus den Herzen und nicht aus
fremden Geldsäcken.
Deutsche waren
die ersten,, die sich im von der Sowjetunion beherrschten Ostblock
auflehnten. Ein Beweis dafür, dass wir nach den bitteren Erfahrungen,
die wir unter der verbrecherischen Herrschaft der Nazis machen mussten,
die richtigen Lehren gezogen hatten. Es zeigte sich, dass wir nicht
bereit waren, uns erneut einer kaum weniger brutalen Diktatur zu beugen.
Und wenn der Aufstand auch niedergeschlagen wurde - vergebens war
er nicht. Mit ihm setzte das lange Sterben der kommunistischen Herrschaft
in Europa ein, er führte zu den revolutionären Ereignissen
in Ungarn, in den Prager Frühling, über Polen
in die Einheit unseres Vaterlandes und in den Zusammenbruch der Sowjetunion.
Warum aber, so
frage ich mich, warum wird in unseren Schulen den jungen Menschen
davon kaum etwas gesagt? Warum sprechen wir Älteren darüber
nicht öfter mit den Jüngeren? Warum sagen wir ihnen nicht,
dass Freiheit und Demokratie nicht so selbstverständlich sind,
wie sie vielleicht meinen, dass man vielmehr notfalls um sie kämpfen
muss? Warum erinnern sich unsere Medien erst zu einem fünfzigjährigen
Gedenken daran? Warum ist ihnen sonst jedes banale Ereignis aus der
Schickie-Mickie-Szene, warum ist ihnen jedes sogenannte Boxen-Luder
wichtiger als die Opfer politischen Terrors?
Ja, warum? Warum
sind wir so wenig stolz auf das, worauf wir auch stolz sein dürfen?