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Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e.V.
Interview aus Der Stacheldraht 1 / 2003 Zeitschrift für Freiheit, Recht und Demokratie.
Stolz sein
auf die "Schuld" Ein
Gespräch mit Horst Schüler,
dem Vorsitzenden der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft
(UOKG)
Horst Schüler: parteilos, verheiratet, zwei Kinder; geboren 1924 in Babelsberg b. Berlin als Sohn eines verdienten Sozialdemokraten, der 1942 als politischer Häftling im KZ Sachsenhausen umkam; nach sowjetischer Kriegsgefangenschaft Journalist in Potsdam, aktiver Widerstand gegen das kommunistische System, 1951 Verhaftung, SMT-Urteil zu 25 Jahren Zwangsarbeit, 1953 Teilnehmer am Häftlingsaufstand in der Strafregion Workuta; 1955 Heimkehr und Arbeit als Journalist in Kassel, 1964-1989 Redakteur beim Hamburger Abendblatt; 1992 als erster deutscher Journalist Besuch der Region Workuta, anschließend Buchveröffentlichung "Workuta - Erinnerung ohne Angst", Ausstellung "Workuta - vergessene Opfer", seit 1995 Sprecher der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion und seit Januar 2002 Vorsitzender der UOKG; Träger des Bundesverdienstkreuzes und Theodor-Wolff-Preisträger.
STACHELDRAHT: Herr Schüler, vor einem Jahr haben Sie das
Amt des UOKG-Vorsitzenden angetreten. Was war Ihr wichtigstes Ziel?
Schüler: Die Verbreiterung der Basis, also das Gewinnen möglichst
vieler neuer Verbände. Dazu gehört auch die Einbindung von Aufarbeitungsinitiativen
der Bürgerrechtler und damit von Jüngeren. Mir war vorher allerdings nicht
bewußt, welche politischen Unterschiede in der Motivation des Widerstandes
gegen das kommunistische System zwischen den Angehörigen der Opferverbände
und manchen Bürgerrechtlern bestehen. Während die ersteren in der Regel konsequente
Gegner des Kommunismus waren und sind, mußte ich lernen, daß viele Bürgerrechtler
an eine Reform der DDR glaubten und seit 1989 einen oft schwierigen Weg zu
der Erkenntnis gegangen sind, daß dieser Staat, dieses System nicht reformierbar
war.
STACHELDRAHT: Und wie hat sich die Zusammenarbeit entwickelt?
Schüler: Ich denke, es gibt gute Ansätze. Zu den UOKG-Sitzungen
werden regelmäßig Gesprächspartner aus diesen Gruppen eingeladen, u.a. waren
Andreas Schönfelder von der Umweltbibliothek Großhennersdorf und Tom Sello
von der Robert-Havemann-Gesellschaft zu Gast. Wir wollen deutlich zeigen,
daß wir für die jüngere Generation offen sind.
STACHELDRAHT: Was haben Sie sich darüber hinaus für Ihre
Amtszeit vorgenommen?
Schüler: Natürlich sind das Erreichen der Ehrenpension und
die bessere Anerkennung haftbedingter Gesundheitsschäden ausgesprochen wichtig,
zumal viele Opfer des Kommunismus in sozial schlechten Verhältnissen leben
müssen, viel schlechter oft als ihre einstigen Peiniger. Aber ich bin ein
sehr politisch denkender Mensch. Für mich sind die politischen Ziele genauso
wichtig, vor allem der konsequente Kampf gegen jede Art politischen Extremismus,
rechten wie linken. Der schwerwiegendste Affront, den wir immer wieder von
Politikern und Medien hinnehmen müssen, ist deren einseitiger Kampf gegen
Rechtsextremismus. Wir sind aber nun einmal Opfer des Linksextremismus, und
deshalb achten wir ganz besonders darauf, daß er nicht im Bewußtsein unserer
Gesellschaft verloren geht - was leider häufig geschieht. Bei uns gibt es
viele politische Richtungen, aber was uns eint, ist das Eintreten gegen jede
Form von politischem Extremismus.
STACHELDRAHT: Was ist bis jetzt erreicht?
Schüler: Inzwischen befinden sich mehr als 24 Verbände unter
dem Dach der UOKG. Aber ich möchte das Ziel noch weiter stecken. Es scheint
mir ein großer Fehler zu sein, die Verbände der Eigentumsgeschädigten auszuklammern,
denn auch sie sind ja Opfer des kommunistischen Systems. Der Terror, den Kommunisten
gegen die Menschen ausübten, war vielfältig, wir würden uns unnötig isolieren
und schwächen, wenn wir nur die als Opfer sehen, die in den Gefängnissen und
Lagern saßen.
STACHELDRAHT: Viele Verbände sind hinzugekommen. Aber ist
Quantität auch Qualität?
Schüler: Natürlich geht es nicht nur um Quantität an sich.
Doch mit der Zunahme der Mitglieder werden auch die Ideen vielfältiger, die
bei der Entwicklung gemeinsamer Strategien und Taktiken einfließen. Unterschiedliche
Einflüsse führen zu neuen Anstößen. Meines Erachtens entsteht so tatsächlich
eine neue Qualität.
STACHELDRAHT: Sie haben einen Vorstand, der aktiv ist und
auf den sie sich verlassen können. Ist Teamarbeit in Ihrer Funktion das Entscheidende
oder doch eher Persönlichkeitseinsatz?
Schüler: Beides. Vielleicht kann man unterscheiden, daß Teameinsatz
mehr nach innen wirkt und persönliches Auftreten nach außen.
STACHELDRAHT: Ist dieses Auftreten in der Öffentlichkeit
für Sie lustvoll oder fällt es Ihnen schwer?
Schüler: Es ist mir keine Qual.
STACHELDRAHT: Was sind Ihre Stärken und Schwächen bei dieser
Arbeit?
Schüler: Eine meiner Schwächen ist Unduldsamkeit. Ich will
manchmal etwas zu schnell erreichen und reagiere auf gegenteilige Meinungen
vielleicht manchmal zu heftig. Sicher auch ein bißchen Eitelkeit, wenn das
eine Schwäche ist. Eigene Stärken kann man ja selbst nicht so gut einschätzen
- vermutlich ist am wichtigsten, daß ich wirklich überzeugt bin von dem, was
ich tue.
STACHELDRAHT: Als UOKG-Vorsitzender sind Sie ein ständiger
Ansprechpartner der Opfer und Widerständler. Wie kommen sie mit Eigenart und
Exzentrik mancher ehemaliger politischer Häftlinge zurecht?
Schüler: Ich komme ganz gut damit zurecht, wahrscheinlich,
weil ich selbst Häftling war. Ich weiß, daß niemand diese Haft ohne Schaden
überstanden hat. Das äußert sich dann in unterschiedlicher Weise. Manche sind
cholerisch, andere kapseln sich ab, wieder andere befinden sich ständig in
Querelen. Die Verhöre, die jahrelange Angst in den Lagern und Gefängnissen,
diese Lebensverhältnisse, das kann doch gar nicht ohne Folgen geblieben sein.
Deshalb ist mir auch völlig unbegreiflich, weshalb bei den Versorgungsämtern
die psychischen Haftfolgeschäden nicht einfach als Gegebenheit anerkannt werden,
wie bei den NS-Verfolgten.
STACHELDRAHT: Was behindert Ihrer Erfahrung nach die Arbeit
der Verbände, womit stehen sie sich selbst im Weg?
Schüler: Ich habe den Eindruck, daß wir manchmal nicht klare
Prioritäten setzen, uns verzetteln. Unsere größte Schwäche aber ist es, daß
viele ehemalige Verfolgte und Opfer abseits stehen, daß sie sich nicht in
die Arbeit der Verbände einbinden. Würden alle wenigstens Mitglieder in den
Verbänden sein - wir wären eine Macht, die keine Partei übersehen könnte.
Wenn wir dann auch noch mehr aktive Mitarbeiter hätten - nun ja, man wird
ja noch träumen dürfen...
Eines aber ist für mich, der aus einem sozialdemokratischen Haus stammt, qualvoll
zu sehen, nämlich, in welchem politischen Zustand sich die heutige Sozialdemokratie
befindet. Ihre Bündnispolitik mit der PDS, der Nachfolgepartei der SED, ist
nicht nur für mich, sondern auch für viele Sozialdemokraten unverständlich.
Bei den Verbänden erwächst daraus gelegentlich die Tendenz, vollständig auf
die CDU oder die FDP zu setzen. Das halte ich für gefährlich, denn wir dürfen
nicht nur Überparteilichkeit predigen, sondern müssen sie auch praktizieren.
In den Lagern und Gefängnissen waren wir Liberale, Konservative, Sozialdemokraten,
Unparteische - was uns einte war die Gegnerschaft zum Kommunismus. Wenn wir
diese Überparteilichkeit aufgeben, spalten wir uns, vermutlich dann aber irreparabel.
Man kann sich natürlich einzelnen Forderungen der Parteien anschließen, aber
darf nicht gleich das ganze Programm übernehmen. Überparteilichkeit ist meines
Erachtens eine der Säulen, auf denen unsere Arbeit steht. Und noch etwas scheint
mir wichtig. Wir sollten uns nicht immer als unschuldige Opfer des Kommunismus
bezeichnen. Wir haben gegen dieses System gekämpft, haben ihm Widerstand geleistet.
Darauf sollten wir stolz sein und diesen Stolz auch immer und immer wieder
betonen. Der demokratische Rechtsstaat, in dem wir heute leben, ist auch ein
Ergebnis des Widerstandes, den Menschen im Nationalsozialismus und im Kommunismus
geleistet haben. Und ich finde es verheerend, daß z.B. an Jahrestagen der
deutschen Einheit die Politiker sich selbst feiern, aber mit keinem Wort derer
gedenken, die für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit Jahren ihres Lebens
im Gefängnis oder mit ihrem Leben bezahlt haben.
STACHELDRAHT: Können Sie sich die UOKG in 50 Jahren vorstellen?
Schüler: Na, die UOKG als Organisation wird dann wohl überflüssig
sein. Wenn wir gute Arbeit leisten, wird das Ergebnis sich in 50 Jahren darin
niederschlagen, daß die Menschen wissen, was unter der kommunistischen Diktatur
geschehen ist. Darum geht es doch vor allen Dingen, jungen Leuten zu zeigen,
daß Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern erkämpft werden muß.
Leisten wir dagegen heute schlechte Arbeit, werden wir in 50 Jahren völlig
vergessen sein.
STACHELDRAHT: Kann man etwas gegen die Überalterung in den
Verbänden tun?
Schüler: Darüber haben wir ja oft diskutiert. Es gibt den
Versuch der Workutaner, einen Freundeskreis zu bilden, also Menschen einzubinden,
die nicht in Haft waren, aber unsere politischen Ziele unterstützen. Doch
auch da engagieren sich eher Ältere. Nicht mal die eigenen Kinder sind dafür
zu gewinnen.
STACHELDRAHT: Die eigenen Kinder sind vielleicht auch belastet.
Aber es gibt junge Leute, die unbelastet, interessiert und neugierig sind.
Es ist keine unpolitische junge Generation.
Schüler: Nein, aber wie können wir es schaffen, daß sich
diese Jungen uns politisch und organisatorisch anschließen? Da fehlt mir noch
die Idee.
STACHELDRAHT: Was halten Sie für sinnvoller, den Zusammenschluß
kleinerer Verbände zu einem großen oder eigenständige Verbände unter dem Dach
der UOKG?
Schüler: Wenn man einen großen Verband hätte, würde es ja
auch wieder Unterteilungen geben, Referat Buchenwald, Referat Sachsenhausen,
Jamlitz usw. Vor allem geht es doch darum, gemeinsame Strategien zu entwickeln
und durchzusetzen. Und das ist unter dem Dach der UOKG mit eigenständigen
Verbänden durchaus zu leisten. Voraussetzung allerdings ist, daß man sich
innerhalb der Verbände nicht auf so unsägliche Weise bekriegt, wie es gerade
jüngst in zwei großen Gemeinschaften der Fall ist. Da es Grundsatz der UOKG
ist, sich nicht in die internen Angelegenheiten der Mitgliedsorganisationen
einzumischen, möchte ich mehr dazu nicht sagen. Nur das noch: Gewinner eines
solchen Streites ist immer und unzweifelhaft unser politischer Gegner. Und
kein anderer sonst.
STACHELDRAHT: Sehen Sie reale Chancen für die Annäherung
zwischen Opfern und Widerständlern der nationalsozialistischen und der kommunistischen
Diktatur?
Schüler: Ich hoffe darauf. Jedenfalls werde ich alles tun,
damit wir ein Stück vorwärts kommen. Durch meine Familiengeschichte bin ich
ja selbst ein Opfer beider Diktaturen, und das ist kein Einzelfall in unseren
Reihen. Es ist eine Tragödie, daß sich die Opfer zweier deutscher Diktaturen
so distanziert, teilweise feindlich gegenüberstehen.
STACHELDRAHT: Beide Seiten sehen in den anderen jeweils die
Täter ...
Schüler: Wobei mir aber scheint, daß die NS-Opferverbände
in ihrer Gegnerschaft offensiver sind. Dort spielt wohl auch eine Rolle, daß
viele Organisationen von Kommunisten beherrscht werden, die natürlich kein
Interesse daran haben, ihre Ideologie durch die Aufdeckung kommunistischer
Verbrechen beschmutzen zu lassen.
STACHELDRAHT: Wie kann man dann überhaupt Annäherung schaffen?
Schüler: Wenn ich heute als UOKG-Vorsitzender zu einer Versammlung
der NS-Verfolgten ginge, würden sie mich dort vermutlich aus den eben genannten
Gründen als Gegner betrachten und angreifen. Da muß der Boden erst langsam
über persönliche Beziehungen bereitet werden. Es gibt einige Beispiele, die
zur Hoffnung berechtigen.
STACHELDRAHT: 2003 ist ein Jahr politischer Höhepunkte für
die Verbände. Wie bereitet sich die UOKG darauf vor?
Schüler: Es ist unser Anliegen, daß der 50. Jahrestag des
17. Juni 1953 ein Tag des Volkes wird. Damals war es schließlich das Volk,
das sich gegen seine Unterdrücker erhob. Der Berliner Senat plant Veranstaltungen,
die hauptsächlich auf der Mitwirkung von Historikern, Künstlern und Wissenschaftlern
basieren. Das ist ein gutes Rahmenprogramm, kann aber nicht die Hauptsache
sein. Die Bevölkerung einbeziehen kann man eigentlich nur mit einer möglichst
großen Demonstration und anschließender Kundgebung. In diesem Sinne werden
wir demnächst auch mit dem Regierenden Bürgermeister sprechen.
STACHELDRAHT: Glauben Sie, daß auch die nicht betroffene
Bevölkerung an einer solchen Demonstration teilnimmt?
Schüler: "Nicht betroffene Bevölkerung" halte ich für eine
falsche Formulierung. Betroffen sind alle, vor allem hier in Berlin. Wie kann
man nicht betroffen sein von einem Ereignis, das von den Eltern und Großeltern
der heute hier lebenden Generationen geprägt wurde?! Zu erreichen wäre meiner
Ansicht nach also eine große Demonstration schon. Wenn Senat, Parteien, Organisationen
und Medien mitmachen, sollten wir wenigstens ein paar Tausend auf die Beine
kriegen. Vor allem kommt es darauf an, die Vergangenheit mit dem Heute und
Morgen zu verbinden, also keine ausschließliche Gedenkdemonstration. Am 17.
Juni gegen Extremismus auf die Straße zu gehen, ist doch ein guter Anlaß.
Darüber hinaus planen wir am Vorabend eine große Veranstaltung mit Schülerinnen,
Schülern und Zeitzeugen.
STACHELDRAHT: Am 1. August jährt sich ebenfalls zum 50. Mal
die Niederschlagung des Häftlingsaufstandes in Workuta.
Schüler: Wir ehemaligen GULag-Häftlinge sehen das in direktem
Zusammenhang mit dem 17. Juni 1953. Als der Aufstand zusammengeschossen wurde,
gab es 64 Tote und viele Hundert Verwundete. Dieser extreme Terror des Machtapparates
war eine unmittelbare Reaktion auf den 17. Juni. Die Lagergemeinschaft wird
ein Symposium mit russischen und deutschen Historikern veranstalten. Und wenn
es finanziell irgendwie geht, wollen wir ein Flugzeug nach Workuta zur Totenehrung
entsenden.
Wichtig in diesem Jahr ist für uns auch der Ökumenische Kirchentag in Berlin.
Das ist eine gute Gelegenheit, mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen. Wir
werden mit einem Stand vertreten sein und die Diskussionsveranstaltung "Gott
hinter Gittern" ausrichten. Das ist doch ein spannendes Thema.
STACHELDRAHT: Sind Sie religiös?
Schüler: Ich glaube an Gott.
STACHELDRAHT: Die Öffentlichkeitsarbeit der Verbände ist
nicht gerade preisverdächtig, obwohl sich die Mitglieder bemühen.
Schüler: Es ist heutzutage ausgesprochen schwierig, die Aufmerksamkeit
der Medien auf sich zu lenken. Von Presseerklärungen z.B. halte ich nicht
viel, denn als Journalist weiß ich, was damit geschieht. Wahrscheinlich müssen
wir uns über unkonventionelle Methoden mehr Gedanken machen und zu diesem
Thema mal eine Ideenkonferenz einzuberufen.
STACHELDRAHT: Wollen Sie für eine zweite Amtsperiode kandidieren?
Schüler: Angesichts der damit verbundenen Arbeit fragen Sie
das lieber nicht, meine Frau liest diese Zeitung auch.
STACHELDRAHT: Vielen Dank, Herr Schüler.